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#freundschaft#erfahrung#fremdekulturen

Indian Winter - Eine Freundschaft

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Indian Winter - Eine Freundschaft | story.one

Indian Summer, Sehnsucht nach den New England States, bunte Herbstwälder, Zauber. Der deutsche Altweibersommer hat nichts von diesem Zauber, macht melancholisch. Herbst des Lebens. Davon handelt diese Geschichte.

Die Inderin Saryu lernte ich 1975 kennen. Sie war Sekretärin vom GLORIA-Boss London und zu einer Convention nach München eingeladen. Eine lebenslange Freundschaft entstand. Wir besuchten einander oft, sie musste mich immer an neuen Orten aufsuchen. Ihre Adresse blieb immer dieselbe, seit ihre Familie von Idi Amin aus Uganda vertrieben worden war.

Was hatten wir nicht alles für Pläne: Uganda, als es wieder möglich war. Gujrat in Indien, woher ihre Familie kam und wohin ihre Eltern zurückkehrten und davonschwammen, auf einem Fluss verstreut, von Blumenkränzen begleitet. Zu ihrer Freundin nach Südindien, die riesige Teeplantagen besitzt und 3 Köche, einen für indische, einen für chinesische und einen für internationale Speisen. NICHTS haben wir verwirklicht.

Allerdings habe ich sie oft in London besucht, zwei große Hochzeiten im Kreise ihrer Familie erlebt. Mit allem Tamtam, Bräutigam als Maharaja auf einem weißen Pferd mit Gauklern, stundenlange Zeremonien, Henna-Bemalungen im Haus der Braut mit kichernden alten Frauen, am Boden sitzend und tratschend, in einem Mix aus Gujrati, Suaheli und einer Art Englisch. Später, viel später, wollten wir, in Schaukelstühlen mit einem Gläschen Baileys, englische und Bollywood-Filme anschauen…

Und auf einmal ist viel später. Wir haben wohl zu lange nicht auf die Uhr geschaut.

Saryus 75. Geburtstag. Einladung als Überraschungsgast. Ich flog nach London, wurde „versteckt“ bis zur großen Feier. Ich war sehr neugierig - und geschockt. Die fröhliche, meistens in bunte Saris gekleidete, in Aussehen und Benehmen sehr anmutig-mädchenhafte Saryu kam als hochverehrte, betagte, in Schwarz und Silber gekleidete, weißhaarige "Didi" (ältere Schwester) durch die Menge der Verwandten, langsam, liebenswürdig wie die Queen nach links und rechts sich verbeugend, bedankend, nichts ahnend, auf mich zu.

Ich hatte das Gefühl, nicht 3 Jahre waren vergangen seit dem letzten Wiedersehen sondern 30. Das Mädchenhafte, das alle anzog und erstaunte, lag nur noch in ihrer Stimme, nicht mehr in Gesicht und Haltung. Viele Sorgen hatten sie lebenslang begleitet, aber nie gezeichnet. Aber nun war ich mitten im „Indian Winter“ nach London gekommen und fror wie ein Schneider. Nicht nur, weil es eisig kalt war im März 2016.

Winston Churchill sagte, dass Uganda das schönste Land war, das er je gesehen hatte, Paradise. Es tut so weh, wenn man tiefen Einblick bekommt in die Geschichte eines Familienclans, und sieht, wie sie alle an der Vertreibung aus dem Paradies auf die eine oder andere Art zerbrechen, sich trotzdem tapfer durchkämpfen im kalten Westen. Ohne Strumpfhosen und warme Unterwäsche, mit Sandalen im Winter, Arthritis, Rheuma, Husten, ewig sich sehnend nach

Paradise Lost…

© Margret Moser 2019-08-17

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