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Lesepatin - Bin ich ein Auslaufmodell?

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Lesepatin - Bin ich ein Auslaufmodell? | story.one

Wenn mich etwas an Corona wirklich schmerzt, ist es die Tatsache, dass ich mit meinen 69+ zur Risikogruppe erklärt wurde, obwohl ich doch nur eine Person bin. Na, blöder Scherz.

Im Februar 2020, kurz vor den „Energieferien“, war ich - vielleicht - das letzte Mal als Lesepatin in „meiner“ Schule. Eigenartigerweise, im Nachhinein ganz wunderbarerweise, entstanden bei dieser Gelegenheit die einzigen Fotos meiner über 4-jährigen Patinnen-Zeit.

Ich saß in der Sofa-Ecke der Klasse mit einem Mädchen, das sich an mich kuschelte mit der Begründung: Du bist immer so warm und flauschig. Die Lehrerin fand das Bild auch schön und drückte 2 Mal ab. Dabei hatte das Dirndl ein Head-Set auf. Einfach so zur Zierde. Oder auch als Rückzugsort, fällt mir gerade ein. Heute darf man ja in der Schule Dinge machen, die traute man sich früher nicht einmal zu malen. Ein Bub lief z.B. an diesem Tag mit einer Papierkrone herum.

Ich finde das schön. Weniger schön ist, wenn alle herumrennen und höllisch lärmen. Das war ein Härtetest für meine Ohren. Aber 2 Stunden in der Woche halte ich das aus. Vor allem, wenn ich als flauschig bezeichnet werde. Für die Personen, die das täglich ein Leben lang machen: Unglaublich! Bewundernswert! Ein Sabbatical alle 5 Jahre wäre angebracht.

Und nun könnte sein, dass meine Karriere abrupt beendet ist. Wer weiß, wann dieses Corona-Viech sich zurückzieht und auch das Risiko mitnimmt. Kann sein, dass ich das nicht mehr erlebe. Das heißt, es ist nun hoch an der Zeit aufzuschreiben, was ich mit diesen Dirndln und Buam im Laufe der Jahre erlebt habe. Nur zwei Schmankerln:

Als erstes fällt mir E. ein: Ein etwa 7-jähriges Mädchen, winzig, ausgeschaut hat sie wie eine 4-Jährige. Aber sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Sie tat NICHTS, was die Lehrerinnen ihr „empfahlen“. Sie bekam vom Unterricht gar nichts mit, war mit anderen wichtigen Dingen beschäftigt. Farbstifte ordnen!

Irgendwann setzte ich mich zu ihr in die Bank und fing an „Kontakt aufzunehmen“. Das gelang, eine Vertrauensbasis war rucki-zucki gegeben. Und dann zeigte sie mir unter der Bank ein Bild von Recep Tayyip Erdogan und sagte: DAS ist unser Chef!!! Voriges Jahr ist sie mit ihren Eltern in die Türkei zurück gegangen.

Ein Bub, ich nehme an - aufgrund seines Namens - Nigerianer. Die nennen ihre Kinder gerne so: Blessing, Love, Beautiful... Er schaute oft sehr traurig. Eines Tages kullerten dicke Tränen über sein Gesicht. ??? Er schluchzte: Weil die Mama heute später kommt. Und warum? Muss Schwester abholen. Von wo? Von Ballett. Wie alt? Vier. Ich konnte ihn vorübergehend trösten. Und er fand mich wohl auch recht flauschig, denn in der Woche drauf, als ich eintraf, sprintete er durch das ganze Klassenzimmer in meine Richtung. Es war noch Pause. Die Lehrerin stoppte ihn mit den Worten: N., du musst noch nicht lesen gehen! Er schrie zurück: Ich will aber!

Ich glaube, ihr könnt euch vorstellen, dass mir diese Erlebnisse abgehen werden. Sollte Corona gekommen sein, um zu bleiben.

© Margret Moser 2020-05-20

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