München 1972

  • 136
München 1972 | story.one

"Die heiteren Spiele"...das war das Motto der Sommer-Olympiade 1972 in München.

Ich hatte einen tollen Ferialjob ergattert: Telefonistin in dem vom „Hendl Jahn“ eigens für die Olympischen Spiele in München errichteten TOUROTEL. Der „Hendl-Jahn“ war der Mann, der die legendären „Wienerwald“-Gaststätten „erfunden“ hatte. Seine zündende Idee war, angeblich, die Entlüftung der Küchen auf die Straße hinaus so zu installieren, dass die hungrigen Passanten durch den Hendlduft in seine Gaststätten gelockt werden. Der Plan ging, wie man weiß, voll auf.

Sein TOUROTEL unweit vom Olympiastadion, wurde gerne gebucht von den zahlreichen Besuchern aus aller Welt. Die kanadische Mannschaft war bei uns im Hotel untergebracht und wir alle trugen mit Stolz die kleinen Anstecknadeln in Form von roten Ahornblättern. Meine Kollegin in der Telefonzentrale war eine junge Finnin. Wir hatten alle Hände voll zu tun. Es wurlte nur so vor unserem Desk. Handies gab es nicht. Unvorstellbar. Wie konnte sich die Welt damals nur drehen?

Es war immer viel los in der Hotel-Lobby. Ein Pressezentrum war eingerichtet worden, mit Telefonen, Fernschreibern und Schreibmaschinen für die Reporter aus aller Welt. Mitten drin wurlten auch zwei bekannte Herren aus Österreich: Ein gewisser Hugo Portisch, der Schnellerklärer der Nation, und in seinem Schlepptau der Fotograf Sepp Riff. Die beiden wurden ein legendäres Duo.

München stand Kopf. Die Stimmung war ein Wahnsinn. Alles war auf den Beinen. Die eigens für die Olympiade gebaute U-Bahn war brechend voll. Alle Sprachen und Hautfarben dieser Erde konnte man hören und sehen. „Wir Münchener“ waren glücklich über die „Heiteren Spiele“, wie sie in der Werbung genannt wurden. Wir waren alle stolz und wollten die ganze Welt umarmen. Sommer, Sonne, Musik und Olympische Spiele in der gar nicht so heimlichen Hauptstadt Deutschlands. Es war einfach ein Traum.

Eines Morgens wachten wir auf – ich krieg jetzt noch Gänsehaut beim Schreiben – und alles war anders. Es war, als hätte sich ein riesiger grauer Schleier über die Stadt gelegt. In den Zeitungen der ganzen Welt auf Seite 1 ein Foto, das sich uns allen eingeprägt hat: Ein palästinensischer Terrorist mit dunkler Sturmhaube und Maschinengewehr auf dem Balkon der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf.

Wikipedia: "Das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972 war ein Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen. Es begann als Geiselnahme und endete mit der Ermordung aller elf israelischen Geiseln sowie mit dem Tod von fünf Geiselnehmern und eines Polizisten."

Wir waren fassunglos, traurig, gelähmt. Totenstille über der noch vor wenigen Tagen so ausgelassen fröhlichen Stadt. Geblieben ist das Bild mit dem Mann auf dem Balkon…Das werde ich bis an mein Lebensende nicht mehr los.

© Margret Moser 14.07.2019