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#freundschaft#studium#graz

Mein 1. Besteller

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Mein 1. Besteller | story.one

Du solltest amal a Buach schreiben, sagten Freunde viele Jahre lang. Ich fragte mich immer wozu, für wen? Aber wenn sich das jeder fragt, was würde da die Frankfurter Buchmesse (Frankfurt Mess) machen?

Also setze ich mich heute, Mittwoch 25. März 1998, 5 Min. nach 12 (hoffentlich kein böses Omen) hin, um mein Lebenswerk zu beginnen. Ich habe heute nicht viel Zeit, gleich muss ich Erdäpfel kochen, Mohntorte backen, abends Gitarre und Hackbrett üben. Frizzante trinken. Aber ich fühle, heute ist der Tag für meinem ersten „Besteller“ .

So nannte das eine Kollegin, mit der ich 1973 bei Avon Cosmetics in München in einem Großraumbüro, getrennt nur durch 8 Semester Studium und einen riesigen Rhododendron, Briefe vom Band schrieb. Damit bin ich mitten im ersten Kapitel mit dem Arbeitstitel „Avon Neufahrn".

Da landete ich nämlich, als ich eines Nachts in meinem Studentenbett in Graz beschloss: Ich geh‘ nach Moskau! Wie daraus Neufahrn wurde, werdet ihr irgendwann erfahren. Andere Baustelle. Einen roten Faden werdet ihr vergeblich suchen, ich schreibe in freier Assoziation, eine psychiatrische Methode.

Sicher ist, dass ich jahrelang Briefe schrieb, um mich am Leben zu erhalten. Briefe an Freunde, ohne dass diese etwas dafür konnten – oder dagegen tun. So hab ich auch gemalt. Soviel zur therapeutischen Seite von kreativen Tätigkeiten. Ist ja eh bekannt.

Herbst 1969 in einem Grazer Studentenheim. Beschrieben in „Hafnerriegel“. Die Grazer Luft war belebend. Ich, gerade den letzten strengen väterlich-ländlichen Erziehungsversuchen entgangen durch die Möglichkeit eines Studiums in einer entfernten Stadt, fand mich mitten drin im Leben.

Neuartige Gefährdungen traten auf in Form von persischen Maschinenbau-Studenten. Dunkle Haare, Glutaugen, Bronzehaut - ein bisschen hatte ich Angst. Ich gestand das auch gleich meiner ersten Bekanntschaft namens Hossein. Und er gestand, dass er tatsächlich Pläne hätte, mich in einem Teppich (natürlich ebenfalls echter Perser) eingerollt außer Landes zu schmuggeln.

Bei dieser Vorstellung über"mannte" mich ein wohliges Gefühl des Schauers und sein Augenzwinkern signalisierte mir, dass es gar so schrecklich wohl nicht werden würde. Eine Liebe wurde nicht daraus, wohl aber eine liebe Freundschaft. Ich tippte ihm die Diplomarbeit, er bedankte sich mit einem riesigen Blumenstrauß .

Einige Jahre später hörte ich noch einmal von ihm, als ich schon in München wohnte. Er stand eines Tages mit dem Fahrrad vor der Tür meiner Eltern in Kärnten und fragte nach mir. Er hatte eine Perserin geheiratet und vor der Rückkehr nach Teheran radelte er noch einmal durch halb Österreich, in der Hoffnung sich von Freunden verabschieden zu können.

Ich denke noch manchmal mit Wehmut an diese Geschichte und würde Hossein sehr gern einmal wiedersehen. Aber momentan, seit 40 Jahren, ist das wenig opportun. Ich trage zwar gerne Kopftücher, damit wäre auch mein Frisurproblem gelöst, aber leider... Sehr schade!

© Margret Moser 2020-01-20

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