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#kultur#familie#bruder

Mein Bruder, der "Burg"-Herr

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Mein Bruder, der "Burg"-Herr | story.one

In den letzten sieben Jahren ihres Lebens, die Mutti bei uns in Graz verbrachte, wurde sie gelegentlich schon ein bisschen eigenartig eigensinnig. Aber in durchaus erträglichem und manchmal sehr lustigem Ausmaß. Wenn sie sich etwas eingebildet hatte, dann blieb das und war nicht mehr wegzukriegen. Kein Expertengutachten konnte das noch ändern.

So bildete sie sich zum Beispiel fix ein, dass mein Bruder, also ihr Sohn, der Herr Professor und einzige Familienakademiker, in seinem Unruhestand auch zum Betriebsrat des Wiener Burgtheaters ernannt worden war. Es stimmte ja. Herwig fuhr ständig nach Wien, er schaute sich alles an an der „Burg“, egal, wie lange es dauerte, wie laut, teuer, verhunzt oder genuschelt es war.

Noch leidenschaftlicher fuhr er auch NICHT hin, wenn er teure Theater- und billige Zugkarten gekauft sowie Hotels gebucht hatte. Das begründete er, der ehemalige Englisch & Französisch-"Fessa" dann so: Maa, des is wie Schulschwänzen. Na, noch scheena!

Dieses Argument überzeugte à la longue auch mich. Jahre lang hatte ich ihm Vorhaltungen gemacht und ihm immer vorgerechnet, wie vielen Menschen in Afrika er mit den beim Fenster hinaus geschmissenen Scheinen das Augenlicht hätte schenken können. Aber auch hier konterte er beeinruckend logisch. Er meinte, sein Zaster käme ja all den notleidenden ÖBBs, Theatern, Künstlern, Opernhäusern und Hotels dieser Welt zugute.

Er vergönnte es zum Beispiel Cecilia Bartoli von ganzem Herzen. Die hatte eines Tages Schnupfen und er stand vor verschlossener Scala in Mailand. Intendant Pereira hatte ihn nicht rechtzeitig vorgewarnt. Oder Herwig hatte zu spät ins e-mail geschaut. Egal, er stand da in Milano auf der Treppe, tutto auf relaxato, und fuhr ebenso wieder im Zug nach Hause. 10 Stunden. Beneidenswert, wird sich da so manch stolzer Mehrfach-Stent-Inhaber denken.

Dieser Bruder, der dauernd am Rande der Bretter, die die Welt bedeuten, herumsitzt, hatte eines Tages auch eines dieser Brettln gekauft, als „die Burg“ einen neuen Laminatboden bekam. Da wurden die alten, morschen Teile zu Höchstpreisen an LiebhaberInnen verschleudert bzw. versteigert. Sogar mit Autogramm. Er wollte ein von der Frau Happel signiertes, aber das hätte eine weitere zeitliche Verzögerung bedeutet und er wollte so rasch wie möglich drauf stehen. Um 450.- Euro.

Viele solcher Leute bräuchte das Land, unsere Kulturnation Österreich, und Ulrike Lunacek, die soeben von den Medien zurückgetreten wurde. Im Vorfeld der Brettl-Aktion gingen zahlreiche e-mails zwischen Burg & Bruder hin und her.

Mutti bekam das mit. Herwig erklärte es ihr. Sie erklärte ihn umgehend zum Betriebsrat und erzählte es in der Folge auch allen, die die Schwelle unseres Hauses übertraten. Mei Bua is Burgtheater..

Na, Mutti, dos stiemp nit! Er ist nur Sponsor, Unterstützer, irgend sowas… Asooo, sagte sie dann immer total enttäuscht. Sie erholte sich aber immer sehr rasch und bis zum nächsten Besuch war alles wieder gut.

© Margret Moser 2020-05-15

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