skip to main content

#humor#bruder#donnaleon

Mein Bruder wird gestalkt.

  • 183
Mein Bruder wird gestalkt. | story.one

Von einer gewissen Donna Leon. Kürzlich in Millstatt. Konzert in der Stiftskirche. Wir freuen uns auf einen schönen Abend mit Händel-Musik. Da steht sie schon, im Altarraum, und liest was von Tieren, Hendeln. Zwei Sängerinnen waren auch da, und ein ganzes Damenorchester. Aber mich täuscht sie nicht, diese Schlange. Alles nur Ablenkung, damit es nicht so auffällt. Lächerlich. Eine Frau in ihrem Alter! Hat sie das denn notwendig? Anscheinend.

Oder vor zwei Jahren. In Graz. Dasselbe Spiel. Wir fahren abends in die Innenstadt, bekannte Buchhandlung, heißt sogar wie wir. Schöne Plätze, ganz vorn. Da sitzt sie schon wieder! Liest, als ob nichts wäre. Geschickt macht sie das. Hat immer einen Haufen Bücher dabei, dass es nicht so auffällt, und liest. Perfekte Tarnung. Niemand merkt irgendwas. Aber mich kann sie nicht täuschen. Ich spür sowas. Sie ist hinter meinem Bruder her. Und damit das nicht so blöd ausschaut, sie ist immerhin fast 80, liest sie. Aus einem italienischen Krimi. Auf Englisch. In Graz! Ich bitte Sie!

Dass sie das notwendig hat, wundert mich. Die soll uns doch in Ruhe lassen, wir kommen ganz gut alleine zurecht. Sowas kann mich wirklich ärgern. Dabei lese ich ihre Krimis gern. Sammle sie sogar. Schau mir jeden Film an. Eine Führung auf den Spuren von Commissario Brunetti in Venedig haben wir auch schon gemacht. Aber es ist doch bizarr. Da schreibt eine Amerikanerin auf englisch italienische Krimis. Und liest aus ihnen vor, in Österreich!

Also bitte, überlegen Sie doch! Das sind doch perfide Konstruktionen, Lesungen! Nur damit sie meinem armen Bruder unauffällig überall hin folgen kann. Der kann sich doch gar nicht wehren. Merkst du das denn nicht, was da gespielt wird, sag ich zu ihm. Wos manst'n? Ja, was wohl? Diese Schlampe will doch was von dir!!! Das ist doch nicht zu übersehen! Aber er ist da viel zu unbedarft.

Ob Wien, Mailand oder Venedig. Nicht einmal vor Auslandsreisen schreckt diese Dame zurück. Mein Bruder, der naive Tropf, merkt es nicht. Neulich in Venedig, am Fischmarkt. Da kauft sie, ganz en passant natürlich, Fisch. Dabei weiß doch jedes Kind, dass mein Bruder keinen Fisch mag. Und dass sie schon lange in der Schweiz wohnt. Wie passt das zusammen, bitte? Sagen SIE es mir!

Immer sitzt sie irgendwo und liest, nur um in seiner Nähe zu sein. Oder in Mailand. Auch schon passiert. In dieser Passage Vittorio Emanuele II, da hat sie ihm auch wieder aufgelauert. Herwig schaut in die Auslage eines Hemdengeschäfts. Sie drängt sich ins Bild. Hat die keine eigene Auslage? Muss die ausgerechnet in deine schauen?

Ich sag zu ihr: Donna, wir brauchen dich nicht! Such dir ein eigenes Schaufester! Treib‘s nicht zu weit. Such dir einen Mann in passendem Alter und lass meinen Bruder aus dem Spiel. Er will das nicht! Aber er ist halt ein feiner Mensch, der solche Cosa Nostra-Methoden nicht durchschaut. Ich schon. Mit mir nicht, Donna!

Und du, Fratello Mio, pass auf! Ich will dich nicht eines Tages als Leiche aus irgendeiner Lagune fischen!

© Margret Moser 2019-09-09

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Margret Moser einen Kommentar zu hinterlassen.