Mein See

Als ich mit 19 zum Studium nach Graz ging, bekam ich irgendwann einmal so ein Gefühl, ich müsste verdursten, austrocknen, es war aber nicht so deutlich, wie ich es jetzt beschreiben kann. Es dauerte ein bisschen, bis ich drauf kam: Mir fehlte der See.

In den ganz frühen Erinnerungen sehe ich auch noch unsere Eltern da unten bei "der Mali" auf einer Decke sitzen. Mutti ging bald nicht mehr mit. Sie war zu unglücklich und müde. Papa hatte zumindest sonntags frei. Er war Nichtschwimmer und ging mit uns zur Schattseite des Sees, wo man nichts zahlen musste. Dort lehrte er uns das Schwimmen.

Keine Ahnung, wie er das machte, aber es funktionierte. Seine Schwester, die alte Jungfer Tante Liese, „überwinterte“ und stempelte (bekam Geld vom AMS) bei uns im Tal, saß tagsüber in ihrer vollen Breite mit einem Dirndlkleid im Schaukelstuhl und strickte alles, was man für den Haushalt stricken oder häkeln konnte, außer Geschirr und Besteck.

Für meinen Bruder und mich ergab das Badehosen aus einer grauenhaft „bissigen“ dunkelbraunen Wolle. Mir strickte sie ein gelbes Segelschiffchen hinein. Wenn man mit diesen Badehosen ins Wasser ging, hätte man eigentlich die Wasserrettung rufen müssen. Die Hosen wurden so schwer, dass man wirklich mit Händen und Füssen ums Überleben kämpfen musste. Vielleicht haben wir es nicht so sehr dem Papa sondern der Tante Liese zu verdanken, dass wir schnell das Schwimmen erlernten.

Wenn man aus dem Wasser stieg, kam die nächste Katastrophe: Die Hosen wurden so lang, wie damals der Sommer dauerte. Man hätte auch 1910 gut damit baden können. Wir waren ziemlich froh, dass Papa für die Sonnenseite des Sees, wo die Strandbäder waren, kein Geld hatte. Diese Schmach hätte ich kaum überlebt, wenn mich da mein späterer Verlobter Gerold (wir verlobten uns in der 2. oder 3. Volksschulklasse) gesehen hätte in dieser Badehose.

Dieser Verlobte übrigens zeigte mir seine Zuneigung jeden Nachmittag, indem er mich tauchte, bis mir die Luft ausging. Und ich LIEBTE es! Ich verstand, dass das sein Art von Liebesbeweis war. Je frecher ich in der Schule zu ihm war, umso mehr Tauchgänge durfte ich erhoffen und war voll Vorfreude auf die Tortur.

Der See war auch wichtig als „Aufklärer“. In den Holzkabinen waren Löcher, teils Astlöcher, teils selber gebohrt. Da konnte man Anatomie studieren und andere Wissenschaften. Eine frühe Form von Gratis-Peep Show war uns da vergönnt. Später nutzten wir die Kabinen, manche Familien hatten eine Saisonkabine, auch zum Schmusen und Liebesbriefe lesen.

Meinen ersten Kuss bekam ich mit 15. Ein 18-jähriger Sommergast aus Emden in Ostfriesland, Klassenkamerad von Otti, dem Ottifanten, und fast ebenso witzig, hatte sich in mich verschaut und einige Tage nach seiner Abreise kam dieser Brief, von meinem 12-jährigen Bruder und Komplizen express per Fahrrad direkt in die Kabine zugestellt. Ich glaub, ich hab ihn 15x gelesen oder öfter. In der dunklen Kabine. Nur durch die Astlöcher kam gedämpftes Licht...

© Margret Moser