Oma, kann ich Ecstasy...?

Ja, gerne, Alina. Aber da fehlen noch zwei Worte. Das eine hat mit deutscher Grammatik zu tun, das andere mit guten Manieren. Weißt du, welche Worte ich meine? HABEN, Oma? Genau. Und das andere? BITTE??!!! Sehr schön…Hat auch gar nicht wehgetan, oder? Eh nicht, Oma.

Und dann wachte ich auf, voll hinein die Realität. Es handelte sich natürlich um Nutella. Mamma mia, war ich froh! Das hatte ich natürlich im Hause. Ich bin selber abhängig. Ja, es geht um Drogen, aber um weniger gefährliche wie Gras & Co., sondern um wirklich harten Stuff, Schokolade, Gummibärli, Marsh Mallows etc.

In meiner Kindheit gab es diese Gefahren nicht. Wenn ich an Süßes denke, sehe ich unsere Tante Liese, die Schwester meines Vaters, vor mir. Sie war eine seiner sechs Schwestern, deren Kleider er „auftragen“ musste. Das war wohl einer der Gründe, warum er später das Handwerk des HERRENschneiders erlernte.

Papa hatte ein Liese-Marianne-Resi-Loise-Fine-Mizzl-Trauma, mein Bruder Herwig und ich nur das Tante-Liese-Trauma. Sie "überwinterte" bei uns und war das, was man damals einen "Hausstock" nannte. Eine alte Jungfer. Unbemannt ihr Leben lang. In der „Saison“ arbeitete sie in einem Hotel in Döbriach als Zimmermädchen, Köchin, was so anfiel.

Von Oktober bis April saß Tante Liese bei uns im Wohnzimmer in einem Schaukelstuhl und strickte. Riesige Vorhänge, riesige Tischdecken, alles, was strickable war. U.a. auch unsere legendären Badehosen in dunkelbraun mit gelben Schiffchen, die je nässer umso riesiger wurden und in denen man sich fühlte, als würde man in einem Ameisenhaufen baden.

Da saß sie also voluminös in unserem Allzweck-Wohnzimmer, beim Fernseher mit der stimmungsvoll beleuchteten venezianischen Gondel. Unter der Dirndlschürze, geborgen in ihrem ansonsten ungenutzten Schoß, raschelten „Zuckalen“. Von Zeit zu Zeit nahm sie eines heraus und lutschte voll Hingabe daran. Uns trieften die Lefzen. Ein-, zwei Mal am Tag schüttete sie diese Kostbarkeiten auch an uns aus. Wir hassten sie dafür. Sie machte uns abhängig, und dann ließ sie uns zappeln. Wenn wir aufgrund unserer Entzugserscheinungen an die Zuckerdose gingen, gab es Watschen.

Zwei lange Winter quälte sie uns auf diese Art. Im zweiten Winter, während Mutti’s jährlichem Urlaub bei der Enterbtante in Hannover, der ich in „Großfürstin Olga“ ein Denkmal gesetzt habe, eskalierte die Situation. Papa hatte sich wohl auch eine Auszeit über Nacht genommen und war erst Montag früh bzw. spät nach Hause gekommen. Tante Liese hatte einen Termin beim Arbeitsamt, den sie aufgrund dessen sausen lassen musste. Als er heimkam, bekam er wohl auch kein Zuckale sondern Saures.

Als Mutti nach 3 Wochen ankam, holten wir sie vom Bus ab. Schon von weitem sah sie uns vor Freude springen. Diese Freude galt natürlich einerseits ihr. Aber Mutti sagte, dass wir sie frohlockend mit den Worten begrüßten: Da Papa hat die Tante Liese auseg’schmiesn, sie hat ihn (der Dativ war noch nicht erfunden) a Watsch'n geb'm!!!

© Margret Moser