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#familie#krieg#papa

Papa, Nishnij Tagil

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Papa, Nishnij Tagil | story.one

Ich hatte diesen Namen vielleicht 2, 3 mal von meinem Vater gehört. Er wurde 100 Jahre alt, nicht ganz, 13 Tage fehlten noch. 1911 – 2011.

Eigenartig. Erst jetzt, da ich diese Geschichte schreiben will und dafür Nishnij Tagil gegoogelt habe, wird mir ganz „anders“. Seit ich gelesen habe, dass in der Stadt im mittleren Ural die deutschen Kriegsgefangenenlager Nr. 153 und Nr. 245 waren, tut es mir unendlich leid, dass ich Papa nie gefragt habe. Aus kindlicher Unbekümmertheit. Krieg, das war nur ein Wort ohne Inhalt. Aus jugendlicher Ignoranz, auch wegen Vater-Tochter-Konflikten, später wegen Abwesenheit, jahrzehntelanger.

Wenn ich heimkam, gab es Interessanteres zu besprechen. Meine Karriere. Stolz war er schon. Heute sehe ich das anders, aber zu spät. Diese Worte tun sehr weh! Über jeden Sch…. haben wir geredet. Gefragt, wie es ihm ging die 4 Jahre in Nishnij Tagil, nie. Natürlich auch aus Scheu. Wir spürten schon, dass da was Unfassbares gewesen sein muss, das Papa so hart und verschlossen gemacht hat.

Ich las schon als Kind viel. In der elterlichen "Jausenstation" gab es den „Rundblick“, eine braune Mappe mit allen möglichen Magazinen , BUNTE, stern, Praline, Spiegel, auch goldene Blätter. Die Mappe ging im Kreis, sie war schon einige Wochen alt, wenn sie zu uns kam. Mutti behauptete, ich hätte zu Weihnachten des 1. Schuljahres schon lesen können. Mag sein. Einer meiner Enkel las mir mit fünf fehlerfrei aus der Zeitung vor: Infrastrukturpauschale. Er brauchte recht lang dafür, aber ich weiß, sowas gibt’s. Ich las alles, alle möglichen Räubergeschichten, vom Gufler, dem Frauenmörder aus Oberösterreich und von der Therese von Konnersreuth aus Bayern, die jedes Jahr aus den Wundmalen von Jesus Christus zu bluten begann und wochenlang nicht aufhörte. Auch Ärzte konnten das Phänomen nicht erklären.

In der Nacht hab ich immer viel geschwitzt und mich gefürchtet unter der Bettdecke. Aber Papa schlief bei uns, zumindest von April bis Oktober, wenn wir in den Keller mussten wegen der Sommergäste. Und ich ihm Löcher in den Bauch fragte. Das Spiel ging immer so: Und was kummt nach Döbriach? Radenthein. Und nach Radenthein? Untertweng – und nach Untertweng? Papa wusste einfach alles. Er wollte nirgends mehr hin. Nur arbeiten und auf seiner schönen Terrasse sitzen.

Als ich einmal mit ihm nach Russland wollte, sagte er "Na, da war i schon." So musste ich allein zum „Belorusskij Woksal“, dem weißrussischen Bahnhof in Moskau, von wo er im Viehwagon in den Osten transportiert worden war, hinter den Ural. Da saß ich dann und schaute. Und ging wieder.

Es gab im „stern“ eine Serie „Die Mörder sind unter uns“. Ich dachte, es wäre ein Krimi, den Titel verstand ich erst viel später. Und jetzt, da die Lager einen "Namen", 153 und 245, haben, bin ich plötzlich unglaublich erschüttert. Wikipedia: In der Sowjetzeit gab es in Nishnij Tagil einen GULAG…

Papa war übrigens ein "Roter", liebte die Russen trotz allem. Das hat er wahrscheinlich von mir geerbt.

© Margret Moser 2019-07-19

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