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#familie#eltern#demenz

Papa sagt Hallo

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Papa sagt Hallo | story.one

Mein lieber altzer (Freud!) Papa, dem auf den 100. Geburtstag nur noch 13 Tage fehlten, wurde im Alter immer lieber. In der Kindheit hat er viel „mit der Hand“ zu uns gesprochen. Ich war die Ältere, sollte immer gescheiter sein und nachgeben. Was das für Folgen für eine Gesellschaft hat, sehen wir ja vielleicht heute. Nur so eine Vermutung. Ich durfte auch nichts fragen, die Standard-Antwort war: Du brauxt nur lernen, und imma scheen bescheid’n sein, olles ondare kimp noacha von sölba.

Wir haben später viel gestritten, beide Gerechtigkeitsfanatiker. Er war ein „Roter“ und ich hab ihn immer gefragt: Und wieso gehst du mit der Mutti so schiach um? Ich dachte bei den Sozis sind die Frauen gleichberechtigt? So in dieser Art halt. Antwort: Du werst mir noch long nit z‘gscheid! Diskussion beendet.

So wusste ich auch mit 19 nicht, was ich werden sollte. Übrigens bis heute noch nicht. Hatte nie ein Ziel, aber der Weg dorthin ist immer noch interessant. Vor der Matura Berufsberatung, Villach. Es kam nichts heraus. Stewardess war grad in. Papa, I wer Schtewradess. Dann kannst mitfliagn, gratis. Er: De miassnt oba scheen sein! Thema war dann auch für mich erledigt. Ich wäre übrigens damals mit 164cm auch zu klein gewesen.

So fragte ich bei der Inskription an der Uni Graz: Na, was hammse denn so für Studien? Na, leider. Das war Tucholsky. Der fragte einmal an einem Bahnschalter: Na, was hammse denn so für Billjettn? Es wurde dann Russisch & Englisch.

Zurück zu Papa. Ca. 40 Jahre lang verstanden wir uns nicht, aber dann wurde es langsam besser. Zum Schluss war er einfach rührend und lieb, als er uns nicht mehr erkannte und offensichtlich den Eindruck bekam, dass wir doch ganz nette Leutl'n waren. Mutti hat ihn besonders interessiert. Ah, wer is denn de Frau da pen Herd? Is de vaheiratet?

Sein 100. Lebensjahr verbrachte er bei uns. Unglaublich, wie lange Mutti es mit ihm alleine geschafft hat. Sie war 14 Jahre jünger, aber man sah es ihr nicht an. Zum 99er holten wir beide nach Graz. Als ich sagte: Papa, den 99er hast gschafft, jetzt packma den 100er a noch, meinte er ganz erschrocken, mit dem Sektglasl in der Hand: Wos, heint noch ???

Das letzte Jahr war natürlich nicht nur lustig, unsere Nerven lagen blank. Als er anfing, aus dem Bett zu fallen, holten wir seine schwere Nähmaschine nach Graz und stellten sie zum Bett. Das war eine großartige Idee, finde ich, von mir. Die sah aus, als hätte er sie nur kurz verlassen, um auf’s Klo zu gehen. Alles war da, eingefädelt, bereit zur Arbeit. Er fühlte sich wohl bei ihr.

In den letzten Wochen bekam er einen Tick. Er fing an, ständig Hallo zu sagen, ging von einer Tür zur anderen und sagte Hallo. Den ganzen Tag. Bis er einschlief. Ich wurde narrisch, schrie ihn einmal an: Du sagst dauernd Hallo, des macht mi narrisch!!!! Darauf schaute er mich mit seinen wasserblauen Augen gütig an und sagte ganz verständnisvoll : Des glab I da, I wer dos neama tuen! ...Hallo!

An einem dieser Tage entstand die Stricherlliste. In 3 Stunden 200 Stück Hallo.

© Margret Moser 2019-11-19

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