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#bosnien

Perlen vom Balkan

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Perlen vom Balkan | story.one

Bosnierin. 16 Jahre, sie hatte nur Krieg und Flucht gekannt. Zuerst putzte ihre Mutter bei uns, schleppte unsere Teppiche zu ihrem Häuschen. Dort lagen sie im Gras zum Trocknen. Bald eröffnete sie mir, dass sie eine Stelle in einem Gasthaus bekommen hatte. Fragte, ob ich es mit ihrer Tochter probieren wollte.

Amina kam in high heels, long nails, schort rocks, jede Woche andere Haarfarbe und Frisur. Man hätte sie original am Gürtel unterbringen können. Aber sie war liab. Wenn sie ging, war die Küche dekoriert mit unzähligen Deckchen, die sie in meinen Kästen ausgegraben hatte. Manchmal brachte sie aus dem 10.- Schilling Shop Plastikblumen mit, weil ihr meine zu echt waren. Sie warf einen letzten, zufriedenen Blick auf ihr Werk und sagte: Pfiaty!

Ich konnte ihr nicht böse sein. Sie brauchte ein Nest. Eines Tages Aufregung. Kanstu pitte 1000.- Schilling? Hastu vielleicht Nachthemd und Tasche? Ich muss nach Linz mit die Zug. Weg war sie. Ein Jahr oder zwei. Sie erzählte, sie wäre in Bosnien gewesen, als Dolmetscherin bei der SFOR. Und weiter ging Deko-Arbeit in unsere Kieche.

Eines Tages wieder atemlos: Kanstu pitte 5000.- Schilling? Papa muss machen Fiererschein fir Arbeit. Ich arbeiten gratis pis pezahlt. Isch liebe disch. Weg war sie. Oft dachte ich an sie, hatte dabei immer ein Bild im Kopf. Amina und vier Kinder.

Es vergingen etwa 15 Jahre, ich war in Kärnten, als mein Bruder anrief. Was glaubst du, wer vor der Tür steht? Ich: Frag sie, wie viele Kinder sie hat. Sie: 4. Und Mann in Bosnien, Handgranate, Fuß kaputt, im Haus keine Fenster und Türen. 4 Kinder geboren bei Minusgraden. Sie begann umgehend mit der Deko-Arbeit in unsere Kieche.

Einmal im Monat kam sie mit die Bus. Nägel immer neu, Haare immer anders, Kleidung letzter Schrei. Aber sie weinte viel, hatte Grauenhaftes erlebt. Altmetall suchen in den verminten Bergen mit Mann und Kindern. Die Granate. Keine Versicherung. Wir zahlten mehrere OPs, ein Gebiss, viele Fenster, Türen, ein Auto. Als er wieder halbwegs hergestellt war, überraschten sie uns. Sie im langen Schwarzen & Torte. Er mit breitem Lächeln & Prosecco.

Ich „riss“ bei Freunden Jobs auf, bald konnten sie fast davon leben. Wir kauften ein Grundstück zum Anbau von Himbeeren. Die Türken zahlten gut dafür.

Je mehr wir taten, umso unzuverlässiger wurde Amina. Sie hörte mitten im Putzen auf, ließ Kübel und Fetzen im Vorhaus stehen, rief: Komme morgen! Kam nach 14 Tagen. Es muss so eine Art midlife crisis gewesen sein. Alles, was wir aufgebaut hatten, fiel in sich zusammen. Auch die Freunde waren äußerst unzufrieden. Während sie bügelte, scypte sie ständig mit ihren Kindern in Bosnien, verbrannte eine Bluse, mit ihren high heels stieg sie auf high Leitern, zu unser aller Entsetzen. Lachte nur, sie verstand nicht, dass sie uns damit in große Schwierigkeiten hätte bringen können. Es war vorbei.

Nun, seit einer halben Stunde, haben wir, nach vielen Jahren, wieder eine „Perle“, oder auch Perle. Netti aus Erewan. Schauma mal….

© Margret Moser 2020-02-10

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