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#youandme

Nähe Fasten

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Nähe Fasten | story.one

Karfreitag 2020.

Manchmal fotografiere ich Motive aus Zeitungen oder Büchern, oder in der Stadt, einfach so, weil sie mir gefallen. Ich weiß in diesem Moment nicht wirklich, was ich damit anfangen soll. Meistens verschwinden sie in der Cloud. Das hat sich aber nun mit story.one geändert. Irgendwann passt irgendetwas irgendwo irgendwarum, und zwar wie die Faust auf’s Auge. Jetzt z.B. zum Thema Social Distancing.

So ein Bild werden wir wohl lange nicht mehr sehen. Nehme ich an, hoffe ich, hoffe ich doch nicht… weiß ich auf jeden Fall überhaupt nicht. Wie werde ich mich verhalten, wenn ich erstmals aus meiner Risikogruppenquarantäne ins wirkliche Leben hinausgeworfen werde, hinein in die maskierte Menge, und erstmals wieder auf enge Freunde treffe?

Werden wir in Zeitlupe aufeinander zugehen, oder Hände ausbreiten und Anlauf nehmen – und dann von 100 auf 0? Stopp mit drei Metern Bremsspur? Auf diesen Moment bin ich schon sehr gespannt. Ich bin ja eher so ein Typ „Wird scho nix passiern‘n"! Aber wie wird meine Gegenüberin reagieren?

Einerseits hatte ich mit diesem Bussi-Bussi Boom eh nie eine große Freude. Plötzlich küsste man aufgrund des sozialen Drucks Leute, denen man normalerweise aus dem Weg gehen würde. Jeder kennt das aus seiner eigenen Familie. Nur weil man mit jemandem verwandt oder verheiratet ist, muss man ihn/sie ja nicht gleich mögen. Aber es gab kein Entrinnen. Also musste man da durch. Ich glaube aber, auch nach Corona wird sich das leider irgendwann wieder einmal einspielen. Und dann geht das falsche Spiel weiter.

Wie war das eigentlich im Vor-Bussi-Bussi-Zeitalter? Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, so lange ist das her. Früher umarmten wir uns, glaube ich, sogar alle wirklich nur im „Ernstfall“. Alle anderen begrüßte man mit mehr oder weniger ausgestreckter Hand, wegen des social distancing. Das gab’s ja auch A.C.. Und Kinder waren da sowieso immer rigoros. Wenn die jemanden nicht mochten, half alles Schleimen und Greinen nichts. Höchstens ein Glas Nutella. Und das nur bis zur Pubertät. Dann half gar nichts mehr.

In Russland küsst man sich 3x pro Session, man wird dann schon ein bisschen komisch angeschaut, wenn man fremdelt. So kommt auch unverzüglich das Wässerchen ins Nähe-Distanz-Spiel. In Armenien, glaube ich, sind sechs Küsse die Norm und absolute Untergrenze. Kann aber auch ein anderes ähnliches Land gewesen sein, irgendwo da im südlichen Osten.

Ja, wie wird das wohl werden? Interessant, so viel kann man jetzt schon sagen. Wir leben in interessanten Zeiten. Der chinesischer Fluch, wie wir seit der Biennale in Venedig im Vorjahr wissen: "Mögest du in interessanten Zeiten leben!" Ein sprachlich äußerst eleganter Fluch, wie mir deucht.

Bei uns gelangte das Wort ja nur bis in die Gastronomie. Wie schmeckt dir das? Äääh, ja?! Warum nicht? Is amol was ondas. Interessant! Na, echt! Oder: Wie gefällt dir mein neuer Acryl-Pyjama? Ich bin echt schon ganz zernetflixt. Interessant! Diese neuen Zeiten.

© Margret Moser 2020-04-08

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