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Tippse bei

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Tippse bei | story.one

Am 6. August 1973 nachmittags "flüchtete" ich mit Freund per Autostopp nach München. Nervenkrise kurz vor Beendigung meines Studiums. Ein Porsche blieb an der Autobahnauffahrt in Graz stehen. Ich hatte 200 DM (100 Euro) Startkapital für uns zwei.

Wir kamen um 22h schweißgebadet an, zu spät, um eine günstige Unterkunft zu suchen. Ich kannte München ein bißchen vom Vorjahr, da jobbte ich während der Olympiade 1972 im "Tourotel" in der Telefonzentrale. Der Porsche ließ uns am Stachus raus.

Wir landeten im „Hotel zur Sonne“. Ich weiß die Zahlen, als wäre es gestern gewesen. Das DoZi kostete 40 DM. Allerdings 4 Sorten Brot! Wir genossen das Frühstück, als gäbe es kein Morgen. Danach gingen (!) wir nach Schwabing. Dort kannte ich ein Studentenheim. Ich mietete ein Zimmer. Vorauskasse für 1 Monat 150 DM. Genau, Restkapital für unsere gemeinsame Zukunft: 10DM.

Ich wechselte 5 DM davon in Münzen zum Telefonieren. Da mein Hals schon ziemlich trocken war, August, heiß, suchte ich einen Gastgarten. Mein Fluchtbegleiter ging aufs Klo, drehte sich noch kurz um und rief: Weibi, mir bestöllst bitte an Eisbecha!

Danach bestieg ich eine Telefonzelle, mit einer „Süddeutschen Zeitung“. Da waren Annoncen, die mich froh stimmten. Etwa: Na, wieviel würden Sie denn gerne verdienen? Die Welt stand mir offensichtlich offen. Vorstellungstermin bei AVON Cosmetics. Täglich karrte ein Bus Damen aus München nach Neufahrn in die Zentrale, die aussah wie ein tolles Hotel. Der Personalchef war begeistert. Ich war plötzlich „Fremdsprachen-Korrespondentin“ und er legte sogar noch einen Hunderter drauf.

Großraumbüro, damals „cool“, viele Grünpflanzen zwischen den Damen. Wir waren 16 plus Oberaufseherin, die uns mit verbalen Peitschenhieben dressierte. Eine zweite „Fremdsprache“ gab es auch, Griechin. Wir saßen nebeneinander und klopften den ganzen Tag englische und französische Texte, mit 3-fach Durchschlagpapier, dünne Blätter in rosa, hellblau, hellgrün. Kopien für die Gottsöbersten.

Wir durften uns pro Brief maximal 3 x vertippen, nur ähnliche Buchstaben, also i statt in l, m statt n, a statt e. Die Einpeitscherin schaute auf die Durchschläge, da sah man jedes Vergehen sofort. Bei 3 musste der Brief neu getippt werden. Fehlerquote exponentiell ansteigend. Nach einem Monat hielt ich meinen ersten DM-Tausender in Händen und kündigte mit letzter Kraft.

Ab in die Kaufingerstraße, zwischen Stachus und Marienplatz kaufte ich lauter praktische Küchengeräte, Kirschentkerner, Zwetschkenentkerner, Marillenentkerner….Dazu schöne Servietten und zwei Tischsets. Erstes gepflegtes Dinner am Boden in unserer Wohnung in Freimann. Balkon, gegrillter Hammel-Duft from outside, der uns in unsere Albträume hinein begleitete.

Mein BWL-Student flüchtete in eine Rank Xerox-Schulung nach Düsseldorf. Nach 3 Wochen kam er gut geschult zurück: Weibi, i brauch jetzt a Auto und a Diktiergerät. Danach drehte er mir noch ein 30-bändiges Lexikon an.

© Margret Moser 2020-02-18

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