Tuareg

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Tuareg | story.one

Wenn ich in meinen Dachboden hinaufsteige, blicke ich direkt in diese Augen. Die blauen Männer faszinieren mich seit jeder. Nomadenvölker überhaupt. Warum weiß ich nicht. Ein Gen in uns. Unsere Vorfahren waren alle Nomaden. Bei Kärntnern findet man auch heute noch häufig das Fort-Gen.

Kennenglernt hab ich einen Tuareg 1995 in Marokko. Da führte uns einer durch grüne Felder, bunt gekleidete Frauen bei der Ernte. Mit ein bisschen Französisch spazierte ich mit ihm vorne weg, die Gruppe hinter uns schwatzte und raunzte auf Weanerisch.

Mein one-and-only Tuareg war allerdings eine herbe Enttäuschung. Er trug zwar ein indigoblaues Gewand mit Turban, aber er hatte schwarze Zähne! Obwohl noch keine Dreißig. Vom Kauen irgendwelcher Blätter oder Wurzeln. Schade. Ich hätte so gerne Herzklopfen gehabt! Aber er lehrte mich, wie man den Turban so bindet, dass er jedem Sandsturm und Kamelritt standhält.

Im Laufe der Wanderung führte er uns zu seiner Familie. Die wohnte in einem Erdloch. Die Gastfreundschaft war umwerfend. Sie luden mich ein zu einer riesigen Berberhochzeit im darauffolgenden Jahr. Ich bin für sowas eigentlich immer zu haben. Warum es nicht zustande kam, weiß ich nicht mehr.

In Graz traf ich dann eine Frau, die mit einem Tuareg liiert war. Sie lebte jedes Jahr monatelang in der Sahara und durfte auch einmal mit auf die große Salzkarawane, über 500 Kilometer ohne Wasser. Mir hab ich diese TorTour nicht mehr zugetraut. Hätte vielleicht auch nicht dürfen. Obwohl, anscheinend leben die Tuareg im Matriarchat.

Viel erfuhr ich aus dem Buch „Geboren mit Sand in den Augen“. Aus der Autobiographie von Mano Dayak, Führer der Tuareg-Rebellen. Eine Kindheit im Zauber der Sahara und ein Leben für die Würde der Nomaden. Mano Dayak ist in der Blüte seines Lebens bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

Geblieben von der Lektüre sind mir Bilder von Kindern, die nachts am Lagerfeuer einschlafen, hineinkippen und verbrennen. Und von Kindern, die gezwungen werden, in die Schule zu gehen und innerhalb der nackten Betonmauern derartiger „Anstalten“ zugrunde gehen. Auch von den Maasai sagt man, dass sie in einem Gefängnis keine drei Tage überleben würden, da sie kein Zeitgefühl haben und sich nicht vorstellen können, dass sie da jemals wieder rauskommen.

Vielleicht gilt das für unsere Zeit nicht mehr. Auch in den entlegensten Winkeln der Welt weiß man heute, dass die Erde keine Scheibe ist. Aber wer kann schon beurteilen, wie diese Menschen Informationen aus unserer Welt und Zeit verarbeiten? Wenn ich Peninah nach Zeit- und Entfernungsangaben frage, kriege ich auf ein und dieselbe Frage innerhalb von Tagen ganz verschiedene Auskünfte. Auch auf der Maasai Walking Safari hab ich mir die Frage „Wie lange wird es dauern bis …?“ sofort abgewöhnt. Bis wir da sind...

Eine große Faszination bleibt. Sie wird sogar noch größer mit der Möglichkeit, Menschen hautnah kennenzulernen, von denen früher nur extremste Abenteurer berichten konnten.

© Margret Moser 18.04.2020