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#abenteuer#film#münchen

Vom Winde verweht

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Vom Winde verweht | story.one

Manchmal hatten wir außer dem Titel noch gar nichts von einem Film. Das fällt mir jetzt ein, wo ich so viel schreibe und alles wieder hochkommt. Geschrieben hab ich immer gern. Das erkannten auch meine jeweiligen Chefs. Der vom Film kam immer dann, wenn er eine Inhaltsangabe aufgefettet brauchte. Dann war meine Phantasie gefragt.

Ich saugte mir also gelegentlich auf Befehl des General Managers etwas aus den Fingern. Zu einem Foto oder einer Synopsis, einer kurzen Beschreibung. Einmal hatte ich nur die Info: Südstaatendrama, Liebe etc… Mir fiel sogleich „Vom Winde verweht“ ein. Ich wehte ein paar Sätze auf Papier. GM beeindruckt. Akzeptiert. Plakat brauchen wir auch.

Dem Werbechef "Ecki" und seinem Freund, dem Grafiker Michael, fiel auch was ein. Ecki packte mich, als würde er mich über die Schwelle seines Hauses tragen, Michael strichelte schnell ein langes Kleid, wallende Haare und im Hintergrund ein Flammenmeer. Ich als Scarlett O’Hara in den Armen des Werbechefs, gezeichnet vom Grafiker Mittermayr, der seinem Freund die Züge von Richard Burton verlieh. Great fun!

Wir waren eine bunte Truppe. Am Schreibtisch mir gegenüber saß ein gewisser Herr Anton, ein Schwabe. Er kannte und verehrte alle alten UFA-Stars. Eine war noch am Leben, Olga Tschechowa, die betüdelte er, wo er nur konnte.

Er war homosexuell, was im Show Business kein großes Problem war, wenn man nicht Rex Gildo hieß. Aber er wurde von einer Kollegin gerne aufgezogen. Sie kam morgens ins Büro und flötete: Hach, Herr Anton, Sie haben heut aber wieder ein hüüübsches Blüschen an! Er empört: Heu!! Des isch doch koi Blüschjä, des isch doch’n Hämd! Sähätsä dänn däs net?!

Die Marina war eine ziemlich freche Berliner Schnauze. Sehr hübsch, puderte sich den ganzen Tag Nase und Wangen. Wenn sie abends heimging, war sie um einige Bronzefaktoren reicher im Jesischte und sah aus wie Winnetous Schwester Nschotschi.

Die Sekretärin des General Managers war auch ziemlich stark geschminkt. Eines Tages kam ein ungarischer Pressemann ins Büro und rief: Hallo Ängie, du schaust heitä aus wie Gämälde von Olte Pinakothäk! Wenn ich mal nach einer langen Nacht ungeschminkt auftrat, hielten mich alle für krank. Wir standen sehr unter Druck in diesem Gewerbe.

Das Südstaatendrama wurde leider kein Hit, obwohl Richard Burton mich aus den Flammen holte. Oft trugen aber Titel maßgeblich zum Erfolg eines Films bei. Der größte war einer, der bald legendär wurde und auf den wir nachträglich sehr stolz waren. Aber als unser General Manager, der sehr gerne Titel erfand, uns seine Idee erstmals präsentierte, dachten wir uns alle: Der hat sie jetzt nicht mehr alle! Sein Favorit war „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.

Er hat ihn gegen alle Einwände durchgeboxt, was für ihn als Boss nicht unbedingt ein Problem war. Da hatte er einen Riecher, unser „Onkel Wanja“, wie ich als „Russischexpertin“ ihn heimlich nannte. Er hieß Wania mit Nachnamen und ist schon lange tot, deswegen darf ich das jetzt so schreiben.

© Margret Moser 2019-10-07

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