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Zeit schenken

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Zeit schenken | story.one

Was tun, wenn diejenigen, denen man Zeit schenken will, keine Zeit haben für unser Zeitgeschenk? Schon vor vielen Jahren haben wir beschlossen, einander nichts mehr außer Zeit zu schenken. Alle hatten schon alles. Es dauerte dann zwar immer noch eine Zeitlang, bis sich alle daran hielten. Immer kam dann doch noch in letzter Minute „nur a Klanigkeit“.

Als ich eines Tages mitanhörte, wie meine beiden Schwiegertöchter miteinander absprachen, was sie gegenseitig ihren Kindern schenken könnten und dabei ständig der Satz fiel "Nein, das hat sie/er schon.", war mir klar, da mag ich nicht mehr mitmachen.

Trotzdem stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie empfinden das die Enkelkinder selbst? Sie werden von allen Seiten überschüttet. Auch wenn die Eltern sich dagegen wehren, viele Großeltern, die eine Zeit erlebt haben, als Geschenke noch etwas unendlich Kostbares und Heißersehntes waren, halten sich nicht daran. Nur a Klanigkeit…

Und wie geht es den Kindern damit? Werden sie sich denken: Das ist die Oma, die nie was mitbringt? Zu Weihnachten schenken wir immer Skiliftkarten. Eigentlich einfallslos. Ist das ein schönes Geschenk? Das ist nix zum Kuscheln, man kann es nicht langsam im Mund zergehen lassen, man kann es nicht ein- und ausschalten. Es glitzert nicht. Werde ich die Zeit noch erleben, wenn sie selbst verstehen, dass Zeit das Wichtigste ist, gut miteinander verbrachte Zeit?

Wir sind aber in der glücklichen Lage, dass wir unser Elternhaus in Kärnten geerbt haben. Ein Himmelsgeschenk für uns alle. Ich habe es liebevoll umgestaltet. Obwohl es die meiste Zeit im Jahr leer steht, ist es so, dass man ankommt und das Gefühl hat, es ist bewohnt. Eine Schulfreundin gießt das ganze über Jahr die Blumen, ein Nachbar schaltet die Heizung ein, wenn wir kommen.

Es ist meine „Datscha“, unsere „Sommerresidenz“, „Ski Resort“, Refugium. Als die Kinder ganz klein waren, fuhren die Eltern einmal mit ihnen nach Italien. Die junge Mutti wollte verständlicherweise einmal etwas anderes als immer nur Kärnten. Nach zwei Tagen fragten die Kleinen: Und wann fahrma in Urlaub?

Auch wenn unsere Enkelkinder derzeit aufgrund aller möglichen Verpflichtungen und Hobbies keine Zeit für unsere Zeit haben, so bin ich doch sicher, dass eines Tages noch oft der Satz fallen wird „Weißt du noch bei Oma in Kärnten? Die Uhr im Frühstücksraum, wo jede Stunde ein anderer Vogel gezwitschert hat und es den Opa "gefetzt" hat zu jeder vollen Stunde?

Oder das winzige „Biosphären-Klo“ im Parterre, wo Oma ein Zaunelement mit Vögeln aufgestellt hat, mit echten Sträuchern, einer Vogel-CD und einem Vogel-Buch? Oder als sie uns mitten in unsere Fußballwiese hinein ihren Lieblingsbaum, eine Hängebirke (Hennebirke nannte es der Axi) gepflanzt hat, damit die Knallerei aufhört und wir zum nahegelegenen Fußballplatz gehen zum Schreien?

Die Oma hat wirklich einen ganz schönen Vogel gehabt. Einen schön bunten. Hoffe ich, dass sie sagen werden. Wenn sie eines Tages Zeit haben.

© Margret Moser 26.01.2020

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