Hochzeitstag zu Valentin

Jeder Besuch bei meinen Großeltern ist ein Heimkommen. Ein Heimkommen in meine Kindheit mit all meinen Sinnen.

Ich schmecke und rieche den besten Topfenstrudel, die leckersten Kekse, und den knusprigsten Schweinsbraten.

Ich höre den Namen „Zesschen“ (eine Abkürzung von Prinzesschen) mit dem mich sonst keiner ruft.

Ich sehe eine Küche die schon so alt ist wie ich, wo ich mich immer noch blind zurechtfinde, und die etliche Kratzer und Schrammen von meinen ungeschickten Kinderhänden hat.

Aber vor allem fühle ich. Liebe, Geborgenheit, und Glück.

Der Kloß im Hals bei der Verabschiedung, wenn ich nur daran denke, dass es diesmal vielleicht das letzte Mal gewesen sein könnte, weicht schnell einem Lächeln wenn ich an die letzten Stunden zurückdenke.

An meine Oma, keine Frau vieler Worte, sehr direkt, und immer ein Lied auf den Lippen. An meinen Opa, sein ansteckendes Lachen und immer einen Witz auf Lager. An die kleinen, nicht ganz ernst gemeinten Wortgefechte zwischen ihnen, bei denen ich immer das Gefühl habe, ich sitze in der Löwingerbühne, erste Reihe fussfrei. An zwei Menschen die unterschiedlicher nicht sein könnten, und es trotzdem, oder gerade deshalb, geschafft haben nicht nur ihre Ehe sondern vor allem ihre Liebe all die Jahre aufrecht zu erhalten.

Als sie nun vor drei Jahren am Valentinstag ihren 60. Hochzeitstag feierten, gab es natürlich ein großes Fest. Vor der Abfahrt ins Lokal fand sich die ganze Familie auf ein Glas Sekt bei meinen Großeltern ein. Plötzlich wurde das Stimmengewirr von Blasmusik übertönt. Alle sahen sich verwundert an, nur mein Opa lächelte schelmisch.

Er bat uns alle hinaus, und während wir dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ lauschten, kam die nächste Überraschung. Eine Kutsche wunderschön geschmückt, gezogen von zwei Haflingern. Meine Oma stieg mit Tränen in den Augen ein, und konnte es gar nicht fassen. Wie oft hatte sie mir erzählt, dass sie so gerne mit der Kutsche zu ihrer Hochzeit gefahren wäre. 60 Jahre später ging dieser Wunsch in Erfüllung. Mein Opa hatte es nie vergessen.

Es wurde eine wunderschöne, lustige Feier und beim Verabschieden spürte ich diesmal keinen Kloß im Hals, nein ich hatte ein Lächeln auf den Lippen.

Um 6 Uhr morgens kam dann der Anruf. Mein Opa hatte eine Gehirnblutung. Er lag drei Wochen im künstlichen Tiefschlaf, und als er daraus erwachte wussten wir, es wird nie mehr so sein wie früher. Er kann nicht mehr sprechen, und ist ab dem Hals abwärts gelähmt. Lange Zeit wussten wir nicht mal ob er uns versteht.

Bis ich ihm ein Bild von der Feier zeigte, Oma und er in der Kutsche, zusammengekuschelt und glücklich.

Er sah mich an, eine Träne lief ihm über das Gesicht, und ein ganz leise gehauchtes „Danke Zesschen“ kam über seine Lippen.

© Mari