Mach mal Pause!

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Mach mal Pause! | story.one

Es war so heiss! Seit Tagen stöhnte Mensch und Vieh. Wer irgend konnte, stürzte sich in kühlende Fluten, ganz gleich, ob Schwimmbad, Bach oder See. Begehbare Schluchten erlebten ihre Hochsaison. An jenen Stellen, wo das Wasser viele Meter weit über die Felsen stürzte und sich in Kaskaden über bemooste Vorsprünge ergoss, haschten Menschen selbst nach den winzigsten Tröpfchen.

«Jetzt noch ein Bier, dann bringt mich hier nichts mehr weg», hörte ich einen Mann seufzen.

Richtig, wir befanden uns auf einer Wanderung. Mit der Seilbahn waren wir den Berg hinaufgefahren, bis zur Endstation. Abwärts könne es ja nicht so schlimm sein mit dem Schwitzen, dachten wir.

Nach dem Wasserfall sollte es in wenigen Gehminuten eine Wirtschaft geben. Bald tauchte das Schindeldach zwischen den Bäumen auf. Wir wussten dort gemütliche Sitzplätze im Schatten und vor allem: kühle Getränke!

Doch heute schien Ruhetag zu sein. Tische mit abblätterndem Lack und Klappstühle waren aneinander gekettet unter dem Terrassendach verstaut. Hinter dem Glas der Eingangstür klebte ein Zettel: Wegen Todesfall geschlossen.

Enttäuscht trotteten wir nach einer kurzen Rast weiter, durch den Wald, immer abwärts. Die Kinder liefen voraus. Plötzlich freudiges Geschrei. Walterchen kam zurückgelaufen.

«Dürfen wir fünf Schilling haben? Da unten kann man Coca Cola herauslassen.»

Herauslassen? Aha, ein Getränkeautomat. Ein breiter, an den Kanten abgerundeter Kasten, wie die Kühlschränke in den Fünfzigerjahren, rot lackiert mit der weissen Aufschrift: Mach mal Pause!

Ein wenig schief stand er am Rand des breiten Weges, auf den wir nach unserem Querfeldein wieder trafen. Die Kinder sahen uns erwartungsvoll entgegen. Der Automat befand sich neben einer erst kürzlich aufgelassenen Jausenstation.

«Mach mal Pause! Coca Cola!» intonierte Walterchen die Melodie aus der Werbung. Nun gab es also doch noch eine Erfrischung. Rasch kramten wir die Geldbörsen hervor und suchten die passenden Münzen zusammen. Eins der Kinder warf sie ein, drückte den Knopf für das Getränk seines Wunsches. Ausser dem Klimpern rührte sich nichts.

«Vielleicht stimmen die alten Preise nicht mehr. Der Kasten ist nicht mehr neu. Wirf noch etwas nach. Irgendwann muss die Flasche ja kommen.»

Doch so viel auch klirrend durch den Schlitz ins Innere fiel, es war vergebens. Das Ding war leer und wir verärgert. Schade um das Geld! Ich versetzte dem Automaten einen Tritt. An der Seite fiel ein Stück Blech zu Boden. Erschrocken machten wir uns auf den Heimweg.

Ein Müllauto kam jetzt die Strasse herauf und hielt vor der Jausenstation. Ein Mann sprang aus der Fahrerkabine und setzte einen kleinen Kran in Bewegung. Zusammen mit seinem Kollegen legte er Gurte um den Getränkekasten. Dieser wurde emporgehievt und vor unseren verblüfften Augen auf die Ladefläche befördert, zum anderen Sperrmüll: ein Sofa, eine weit klaffende Tiefkühltruhe, Krimskrams. Unser Kasten war bei weitem das schönste Stück.

© Maria Büchler 01.08.2020