Sind Sie Felix Dvorak?

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Sind Sie Felix Dvorak? | story.one

Mein damaliger Partner Henri sah aus wie eine Mischung aus Bud Spencer, Sir Peter Ustinov und Felix Dvorak. Das heisst also, er war bärtig, ziemlich korpulent, hatte lockiges Haar und trug meistens eine humorvolle Miene zur Schau. Etwa so, wie wenn Bud Spencer gerade fünf Angreifer schachmatt gesetzt hat.

Peter Ustinov kennen bestimmt auch viele von euch. Er hat in etlichen Verfilmungen der Krimis von Agatha Christie den Meisterdetektiv Hercule Poirot gespielt. Allerdings ohne Gesichtsbehaarung. Felix Dvorak jedoch sollte ich den jüngeren Lesern vielleicht kurz vorstellen: ein Wiener Schauspieler, Kabarettist, Fernsehmoderator, Intendant und Schriftsteller, Publikumsliebling auf allen Bühnen.

Wir schlenderten in Wien über den Stephansplatz, als ein älterer Herr von der Seite auf uns zu trat und Henri ansprach:

«Sind Sie der Herr Dvorak? Felix Dvorak?» Henri drehte sich erfreut und geschmeichelt um, denn er verehrte den Mimen. Und da er ebenfalls ein Theatermann war, reagierte er sofort und antwortete dem neugierigen Wiener mit sonorer Stimme:

«Sie haben mich erkannt? Leider habe ich keine Autogrammkarten bei mir», klärte dann aber lachend das Missverständnis auf. Enttäuscht entfernte sich der Mann unter vielen Entschuldigungen.

Doch für uns begann jetzt der Spass. Was wäre, wenn? Nahe dem Stock im Eisen spielten wir eine Möglichkeit durch.

«Scusi?» röhrte Henri mit seiner kräftigen Stimme und wandte sich mir zu.

«Oh, ich dachte, Sie seien wer anderer. Tschuldigung!»

«Sie ‘abe mir verwechselte, iste nichte so?»

«Jo mei, der Bud Spencer! Das ist ja…»

«Machte nichtse, kann passiere.»

«Jessas! Darf ich um ein Autogramm bitten?» Ich hielt ihm pantomimisch Block und Schreibstift hin. Mit einem kräftigen Lachen aus der Tiefe seines mächtigen Bauches heraus fetzte Henri einen Schriftzug quer durch die Luft über meinen Händen. Dann gab er mir einen Klaps auf den Po und wandte sich dem Graben zu: «Andiamo! Ho fame!»

Die zweite Szene gab es bei der Pestsäule. Henri tat, als stütze er sich beim Gehen auf einen Stock, legte die andere Hand auf den Rücken und schob eine gemächlichere Gangart ein.

«Sind Sie der Herr Dvorak?»

Würdevoll wandte er sich mir zu, lächelte höflich-distanziert und korrigierte leise und knapp:

«Ustinov, Peter Ustinov». Daraufhin blickte er wieder geradeaus, ganz und gar stiff upper lip, und setzte seinen Weg fort. Ich blieb leicht zurück und murmelte:

«Wer is denn des? Also, ich hätt’ schwören können… Naaa… so wos! Schad! Kann ma hoit nix moch’n…»

© Maria Büchler 01.08.2020