Strafe muss sein

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Strafe muss sein | story.one

Ein Fahrrad ist schon eine praktische Sache. Bei schönem Wetter verschafft es uns Bewegung an der frischen Luft. Man kann es zu kleineren Einkäufen einsetzen, kann das umweltschädigende Auto daheimlassen und braucht kein Benzin. Ausserdem erspart man sich die zeitraubende und nervige Suche nach einem freien Parkplatz nebst dazugehörigen Gebühren.

Manch ein Pendler fährt damit bis zum Bahnhof, stellt sein Gefährt dort ab und steigt in den Zug, um an seinen Arbeitsort zu gelangen. Junge Männer ohne eigenes Auto fahren mit ihrem Drahtesel in die Stadt, stellen ihn dort in irgendeinen Hinterhof und begeben sich dann zum Wochenendbesuff oder auf Aufriss, wie manche Leute sagen.

Um einen solchen Fall dürfte es sich neulich gehandelt haben.

Ich lebe in einer kleinen Stadt, und besonders in unserm Haus kennt jeder jeden. Wir wissen auch, wem die Fahrräder gehören, die an den Ständer unten im Hof gekettet sind. Weil trotz Sicherungsschloss schon etliche Fahrzeuge gestohlen worden sind, schauen wir gut zueinander und passen auch dann auf, wenn wir selbst keines im Hof stehen haben.

Zwei mir gänzlich unbekannte Burschen kommen eines Samstags durch das Tor gefahren, bremsen quietschend und stellen ihre Drahtesel im Hof ab. Sie besetzen die letzten freien Metallbögen.

Eine mitgebrachte Plastiktasche, vermutlich mit Abfall, werfen sie mit elegantem Schwung unter die Ligusterbüsche und begiessen danach die Platane, wie zwei Hunde, die gemeinsam das Bein heben.

Entrüstet beobachte ich durchs Fenster diesen ruchlosen Frevel. Doch bevor ich auf den Balkon treten und den beiden Tunichtguten die Leviten lesen kann, sind sie auch schon verschwunden. Ein Benehmen ist das! Mein Partner und ich sind empört.

Rache! So schreit es in uns. Diese Tat darf nicht ungesühnt bleiben!

Nein, wir lassen nicht das kleinste bisschen Luft aus den Reifen. Wir zerstechen sie auch nicht. Damit würden wir uns nur strafbar machen. Wie würde Bud Spencer jetzt reagieren?

Wir warten ein paar Stunden und lassen den Burschen damit durchaus eine Chance. Um kurz vor Mitternacht aber, die Fahrräder stehen noch immer da, machen wir uns ans Werk.

Ich stehe Schmiere, und mein Schatz schliesst die beiden Vorderräder mit einem billigen Nummernschloss zusammen. Wer sich so daneben benimmt wie die zwei Hallodri, hat einen Denkzettel verdient.

Wir bleiben extra lange auf, um die Reaktion beobachten zu können. Leider erweisen sie uns diesen Gefallen nicht und kommen vermutlich erst gegen Morgen zurück.

Sie müssen versucht haben, die Nummer zu knacken. Denn die Fahrräder stehen am hellen Sonntag mitten auf dem Hof. Erst nachmittags rücken die beiden Teenies mit einer Kneifzange an und zwicken mit einiger Mühe die Kette durch. Den kaputten Rest werfen sie – natürlich – in die Ligusterbüsche.

© Maria Büchler 01.08.2020