Übergabe des Erbes

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Übergabe des Erbes | story.one

Es ist immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie sich manche Geschehnisse – beinahe als folgten sie einem übermächtigen Steuermechanismus oder einer Gesetzmäßigkeit – ineinanderfügen. Wie Puzzlesteinchen ergibt es sich manchmal, dass Lebenssequenzen zusammenpassen, indem es so wirkt, als ob eines das andere bedinge oder aus dem anderen resultiere.

1986 war eines derjenigen Jahre in meinem Leben, die durch Ankünfte aber auch Abschiede geprägt waren. Gleich zu Beginn wurde mein Leben durch die Geburt meines Sohnes Benjamin bereichert; elf Monate später der große Verlust meiner Großmutter.

Auch wenn es etwas eigenartig anmuten möge, diesem Jahr – meinem Karenzjahr – etwas Positives unter solch einem tragischen Umstand abzugewinnen, so hat diese Zeit viel Gutes bei mir bewirkt. Dank meiner Omi.

Schon während meiner Schwangerschaft war mir aufgefallen, dass sie abgenommen hatte. Dass mit zunehmendem hohem Alter – ihr Achtziger stand unmittelbar bevor – die weibliche Figur an Form und teils auch an Fülle verlöre, war mir bekannt. Man nimmt Veränderungen wahr; doch muss Krebs nicht die erste Wahl an Vermutung sein. Keine Ahnung, ob das Jahr anders verlaufen wäre, hätten wir dies geahnt. Die sofort nach der sich bewahrheitenden Diagnose vereinbarte OP bestand aus einem Auf- und sofort wieder Zumachen eines Torsos, dem nicht mehr zu helfen war.

Meine Eltern waren noch berufstätig; daher verbrachte ich mein Karenzjahr anstatt mit meiner kleinen Familie in Wien, in meinem Heimatort. Mein Vater tauschte sein Ehebett mit Omas Schlafgemach. Sie hatte zeitlebens im Mansardenzimmer bei uns gewohnt. Ich möchte es nicht so bezeichnen, dass ich meine Großmutter gepflegt hätte. Ich kümmerte mich um sie; ähnlich, wie sie es ihr Leben lang für meine Familie und mich getan hatte. Kochen, waschen, versorgen, auf die Hygiene achten, Austausch von Neuigkeiten; einfach da sein.

Doch selbst in diesem Zustand war es ihr möglich, mir viel mehr zu geben, als sie nehmen wollte. Via Babyphon, das ich auf dem Nachtkasterl neben ihr platziert hatte, verriet sie mir all ihre Küchengeheimnisse; vor allem den Trick für einen besonders gschmeidigen Strudelteig, egal ob mit sauren Apferln oder Topfen gefüllt, und viele, viele Köstlichkeiten mehr. Ich kochte, buk und werkte in der Küche mit größtem Eifer und vor allem lustvoll; ganz anders, als es die Knödelakademie je in mir entfachen hatte können. Zwischendurch erzählte sie mir, wenn ich strickend – hatte die Schwangerschaft bei mir ausgelöst – neben ihr saß, unzählige Geschichten aus dem beinahe unendlich scheinenden, kaum erschöpflichen historisch-biografischen Repertoire meiner Vorfahren.

Und irgendwann empfand sie es an der Zeit, mir ihr Kochbuch zu übergeben. Das war fünf Tage bevor sie sich entschied, uns zu verlassen.

Von diesem wertvollen Erbe in Form von Wissen und Worten profitiere ich bis heute noch sehr; mehr, als es Geld oder Wertsachen hätten je bewirken können.

© Maria Modl