Bassenatratsch … von & mit Frau Spatz

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Bassenatratsch … von & mit Frau Spatz | story.one

„A Hausmasta is a Respektsperson“, davon wusste schon Woiferl Ambros herrlich in den Siebzigern zu singen. Die ehemals mit weitreichenden Befugnissen ausgestatteten Hausmeister und -innen – bis heute wird dieser Beruf vor allem von Frauen ausgeübt – sind im Laufe der Zeit sukzessive mehr und mehr zum Aufsichts- und Reinigungspersonal degradiert oder überhaupt durch Reinigungsfirmen ersetzt worden. Das ist überaus bedauernswert, denn die mehr als 200jährige Geschichte dieses „Wiener Originals“ ist eine sehr bemerkenswerte; denn ihnen kam in der Vergangenheit eine bedeutende Rolle im sozialen Gefüge der Stadt zu. Allerdings eine, die stets ein bisschen ambivalent betrachtet worden ist, da die Agenden mehrfach ausgelegt werden können: verlängerter Arm des Hausherren - neugierige Nase, die sich in so ziemlich alles reinzustecken versucht – anordnungsgebende Instanz, deren Anweisungen unwidersprochen Folge zu leisten ist - Hüter über Moral & Ordnung - „goldene Seele“ des Hauses, mit stets offenem Ohr – Problembewältigungsstratege/in, mit Hang zum Hobbypsychologieren …

… und dann gab es da auch noch die Frau Spatz. Frau Spatz war meine Hausmeisterin in den etwa fünf Jahren, die ich in Wien Neubau, in der Bandgasse, verbringen durfte. Quasi mein erster Versuch einer familialen Settle-down-Phase mit Ehemann und zwei kleinen Kindern. Tolle Altbauwohnung mit beinahe 130m² im Mezzanin. Einziger Wehrmutstropfen war das Gang-Klo. Doch ich konnte diesem Umstand sogar etwas Positives abgewinnen: Oftmalige Begegnungen mit Frau Spatz – meist bei der Bassena – die scheinbar unermüdlich in unserem Haus herumwuselte, -flitze, -fegte und -tratschte. Letzteres bescherte mir ein nie wieder dagewesenes Updating in Sachen Skandale und Skandälchen sowohl auf Grätzl-, Bezirks- als auch Ganz-Wien-Ebene. Wir brauchten keine zusätzlichen Medien, da wir alle Top-News von der Spatz geliefert bekamen. Heutzutage wäre sie wahrscheinlich des World.wide.webs schärfste Konkurrenz.

Doch nicht nur das! Frau Spatz war zwar aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit manchmal etwas anstrengend, dies allerdings nur bis zu einem bestimmten Tag, an dem ich genau diesen Charakterzug an ihr so unglaublich zu schätzen lernte.

Ich war mit den Kindern bei meinen Eltern am Land, da Wolfgang, mein Mann, die Wohnung renovierte. Dabei passierte es, dass er im Vorraum von der Leiter stürzte und bewusstlos liegenblieb. Frau Spatz, die wieder einmal bei der Bassena mit einem Hausbewohner tratschte, reagierte sofort. Da die Tür von innen zugesperrt war, schlug sie das Gangfenster ein, und stieg ein. Sie kümmerte sich um alles: Rettung, verständigte mich und meine Schwiegermutter, sperrte die Wohnung ab. Als ich ins Hanusch-Krankenhaus kam, saß die Spatz bei Wolfi am Bett und hielt seine Hand. Bevor ich mich zu ihm gesetzt hatte, war ich bereits über alles informiert, was ich wissen musste.

Frau Spatz war eben unbezahlbar – in jeglicher Hinsicht!

© Maria Modl