Damals in Nachbars Garten

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein kleines Mädchen mit zwei langen braunen Zöpfen und einem heiteren Gemüt. Im zarten Alter von etwa vier Jahren lockte jedoch bereits das Leben außerhalb der Mauern des elterlichen Refugiums, und so kam es, dass das lebenshungrige kleine Wesen immer wieder die Nachbarn beehrte. Zum Beispiel um frische Eier oder die „kuhawoarme Goasmüch“ vom Nachbar schräg gegenüber zu holen, oder auch, um mit der alten Berger-Urschl, der rechten Nachbarin, zu plaudern. Sie erzählte immer die spannendsten Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit und wusste die lustigsten Auszählreime wie „Aslmasl Thomas Grasl, witz-wutz aussigstutzt, Ploderhosn, blaue Strümpf … pfui da deixl durtn stinkts“. Doch auch der linke Nachbar wusste zu locken; genauer genommen, dessen Kirschenbaum.

Es war wieder einmal Kirsch(baum)saison. Die Kirschblüte wurde von der Kleinen akribisch beäugt, in der Hoffnung, die herrlichen zartrosafarbenen fünfblättrigen Sterne, die sich so gerne mit Gleichgesinnten zusammenbündelten, und von Ferne wie rosa Schneebälle wirkten, würden sich sobald wie möglich in die köstlichsten Herzerlkirschen verwandeln, die es innerhalb ihrer kleinen Welt gab.

Die Kleine hatte eine Lederhose, die sie am liebsten Tag und Nacht getragen hätte. Doch es war keine „normale“; es war eine schwarze aus ganz feinem Leder, mit echten Hirschknöpfen und vorn, der Latz, war in Form eines rot-grün umrahmten Herzens gestaltet. Und an den Umschlägen waren Edelweiß aus einem gefilzten Stoff angenäht.

Die Kirschen waren erntebereit und das Mäderl war mit einigen Nachbarskindern zur linken Nachbarin eingeladen worden. Es hatte zwei große Schüsseln mit, um die abgebrockten Herzerlkirschen der Oma bringen zu können. Kirschkuchenzeit. Allerdings landeten kaum welche im Töpfchen, sondern vielmehr im Kröpfchen. Jene Früchte, die bereits heruntergefallen waren, waren die allersüßesten.

Und plötzlich war es da, dieses dringende Bedürfnis. Es war Zeit den Dingen ihren Lauf zu lassen. Das Mäderl rannte, sich immer mehr vom Baum entfernend, die Stimme des Bruders kaum vernehmend, in Richtung Elternhaus. Da ward es geschehen … zu spät. Beim Eingangstor angekommen, war es der Kleinen nicht möglich, auch nur einen Schritt über die Schwelle zu tun. Sie wagte es nicht, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Diese eigenartige Wärme breitete sich immer mehr aus….

Dies war das letzte Mal, dass ich meine geliebte, ach so stylische Krachlederne getragen hatte. Wahrscheinlich wäre ich sowieso bald hinausgewachsen. Der Kirschbaum steht übrigens noch immer im Garten der linken Nachbarin, deren Tochter mittlerweile zu meiner gütigen Nachbarin geworden ist. Und jedes Jahr habe ich meinen Flashback, wenn wir die köstlichen Herzerlkirschen miternten dürfen. Stets nach der Devise: Zuerst ins Töpfchen und dann (nur ein paar) ins Kröpfchen. Der Rest wird daheim genossen!

© Maria Modl