Das Ding mit dem Gefühl

Riemergasse 7, 1010 Wien. Die schwere Holztür geht auf. Zwei Personen treten aus dem Raum, der so viele Schicksale schon besiegelt hat und noch besiegeln wird. Derselbe Blick. Verlegenheit spiegelt er wider, dieser Blick, und eine Spur Erleichterung. Ein Mann und eine Frau. Sie wirken, als hätten sie etwas in diesem Raum zurückgelassen. Das gemeinsame Leben, vermutlich, dessen sie sich entledigt, erleichtert haben. Kaum über die Schwelle getreten, wenden sich die beiden einander zu.

„Das war’s dann wohl“, reicht er ihr die Hand zum Abschied.

„Ja, eine schnelle Sache“, murmelt sie, auf die ausgestreckte Hand starrend, zögernd die ihre dieser zuzuführen.

Langsam bewegt sich sein Blick von der leer gebliebenen Hand hinauf zu ihrem Gesicht. Diesem noch vertrauten Antlitz, das beinahe neun Jahre lang zusehends zu dieser quälenden Gewohnheit geworden ist, täglich angeblickt werden zu sollen. Der Sommer legt viel weibliche Haut frei. Auch die Stelle an ihrem Hals, die er als besonders sensitiv kennt. Berührt durch seine Lippen, hat er sodann stets das sachte Einknicken ihrer Knie gespürt. Gefolgt von der sinnlichen Bewegung ihres Kopfes seitlich nach hinten. Ein Mehr signalisierend. Diese Haut ist noch immer dieselbe. Unverändert. Leicht gebräunt, das Zartrosa durchschimmernd noch erkennend. Und die obligatorische Haarsträhne, die sich vom Haarband nicht zähmen lassen wollend, naturgelockt den Hals entlangschlängelt. Dasselbe Braun. Derselbe Mensch, und doch so anders. Jetzt.

Sie starrt die ihr entgegengestreckte Hand an. Kann ihren Blick nicht von dieser wenden. Wie lange hat sie darauf gewartet, genau diese Geste beschert zu bekommen. Da ist sie nun, diese noch vertraute Hand, die nach einer Berührung ihrerseits sucht, fleht, verlangt? Eben diese Hände sind stets ihr Sicherheitssiegel gewesen. Symbol seiner Stärke und der ewigen Umarmung, aus der sie sich nach und nach gelöst hat, ohne es zu merken. Ihr Blick wandert weiter zu den sehnig-muskulösen Unterarmen, leicht überzogen von diesem wolligen Flaum in Schwarz. Sie sind ihr sofort aufgefallen. Damals. Beschützerinstinkt signalisierend. Es sind noch immer dieselben Hände und Arme. Wie seit Beginn der Ewigkeit, die sie sich vor neun Jahren geschworen haben. Diese ihr so vertrauten Umarmungen noch spürend, wird ihr die Entfremdung durch Zeit bewusst. Alles ist anders. Jetzt.

Sie greift zu. Der Druck seiner Hand ist schwach. Da ist sie, diese leichte Bewegung beider Hände nach unten, von der seinen ausgelöst. Wirkend wie „abgemacht“, „wir sind uns einig“, „es ist besiegelt“. Und hier ist er, beider gleichzeitig zueinander gerichteter Blick. Zwei sich treffende Augenpaare, die synchron mit dem Handschlag ein beidseitiges Nicken auslösen. Zustimmung, richtig gehandelt zu haben. Zustimmendes Beenden. Einigkeit. Nach langem, wieder.

„Lust noch auf einen Kaffee ums Eck?“ Ich nickte.

Eigenartig viel Einigkeit, damals. Plötzlich. Zwischen uns.

© Maria Modl