Das einzige Paradies, das uns bleibt!

Wir alle kennen das: Traditionen, Bräuche, Rituale … ein Leben lang Gelebtes, Erfahrenes und Mitbekommenes prägt uns oftmals ein Leben lang. Und dann … dann kommt erstmals dieser Tag, diese Szene, dieser Moment, der uns förmlich die Erinnerung daran aufzwingt, wie gehandelt werden sollte, wie wir zu handeln hätten. Da macht sie sich erstmals bemerkbar, diese Prägung. Dies geschieht meist dann, wenn diejenigen, die uns geprägt haben, nicht mehr da sind. Dann, wenn wir so richtig intensiv und zwingend zu spüren bekommen, dass die Erinnerung wirklich das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Ich habe Stress. Immer wieder. Seit beinahe neun Jahren mittlerweile. Natürlich hatte ich davor auch schon Stress immer wieder. Doch dieser Stress war ein anderer. Ausgelöst durch Timemanagement, das dir bewusst machte, dass zusätzlich zum Geldverdienen, zur Hausübungskontrolle, zum Abfragen des Gelernten, zum Haushaltsmanagement und Einkaufen auch noch Lebensqualität fern von jeglicher Zwangskidsbespaßung gefragt sei. Das war jener Stress, der – verwendet man Anglizismen – mit „pressure“ übersetzt werden könnte. Er war trotzdem zu bewältigen, damals. Dieser Stress jetzt, den ich seit beinahe neun Jahren spüre, ist anders. Er drückt, zwickt, stachelt auf, raubt Luft und Schlaf und … er manipuliert. Mich!

Natürlich weiß ich, was mich zu einer derart Stressgetriebenen macht. „Mutter, du bist selbst schuld daran“, so der Tenor meiner beiden Kinder, obwohl ich erziehungsstrategisch stets darauf geachtet habe, jegliche umgehängte Schuld von ihnen fernzuhalten. „Mach‘ endlich dein eigenes Ding.“ – „Du musst dich von den dir selbst auferlegten Zwängen lösen.“ Dieser dir verbal vorgehaltene Spiegel deiner Lebensrhythmusfehlsteuerung gibt dir mehr als zu denken.

Aber es ist mir nun einmal mittlerweile ehrlich wichtig geworden, dass die Gräber derer, die ich seit neun Jahren so vermisse, dieser Menschen, die mich so geprägt haben, im jahreszeitlichen Wechsel gepflegt und geschmückt werden. Begonien im Sommer, Stiefmütterchen – zweifärbig in cremeweiß und altrosa – noch vor Allerheiligen, so wie meine Mutti es gemocht hatte und es meinem Papa so herrlich egal wie eh und je gewesen wäre.

Und genauso halte ich es mit dem Färben der Ostereier. Immer gründonnerstags, immer zwei Packerl Eierfarbe, ein Schuss Hesperidenessig und zum Schluss das Einreiben der „gfärbten Or“ mit einem Speckschwartl. Heilig Abend wird ausgeräuchert. Weihrauch tunkt jeden Raum in mystische Orte, die an den Duft von Kindheit erinnern. Nicht zu vergessen die Raunächte, in denen keine Wäsche aufgehängt werden soll. Waschen, bügeln, weg damit. Rechtzeitig, um der Tradition, dem Ritual, dem Brauch, dem Erfahrenen, dem ein Leben lang Gelebtem und Mitbekommenem zu frönen.

Stress hin und her! Aus diesem Paradies möchte ich mich nicht vertreiben!

© Maria Modl