Der R A T Z !

Wir kommen alle nicht um sie herum. Diese Zeit, in der wir uns so verändern. Diese Zeit, die uns so anders macht. Hauptsache anders; anders als jene, die mit unserem Anderssein nicht umgehen können. Pubertät pur!

Herzlich willkommen in meiner Realität des Jahres 1981! Fendrich besang seine Zweierbeziehung mit seinem „hassen Eisen“ am Autofriedhof, Falcos Kommissar trieb sich bereits in den entlegensten Dorfdiscos herum und ich hatte die ersten Schritte in Richtung persönlicher Metamorphose eingeleitet.

Keine blauen Faltenröcke mehr. Keine hochgeschlossenen Stehkragerlblusen mit Rüschen und Spitzen und Kamee-Brosche vorm obersten Knopf. Selbst die schulterlangen naturfarbenen Haare mit dezentem Miniplie „veredelt“, damit mehr Volumen ins Schnürlgrad gezaubert war, hatten ausgedient.

Die Strassergasse – HLW Wien 1190 mit Internat – hatte bereits nach einem Jahr auch ein Landpommerantscherl wie mich in ihren modischen Bann gezogen. Allerdings etwas anders als die meisten meiner Schul- und Internatskolleginnen, die sich eher – geprägt durch die Grinzinger und Döblinger Jugend – dem Poppertum verschrieben hatten.

In den Weihnachtsferien 1980 – kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag – hatte ich mir mit meiner Freundin Östi Quadrophenia im Auge Gottes Kino angesehen. Ab diesem Zeitpunkt wards um uns geschehen. The Who wurden zu unseren musikalischen Idolen und Taktgebern; Mods zu werden, war unser Ziel; dieser Style und diese Lebensphilosophie zogen wir uns ohne Internet rein.

Wir hörten nur noch The Who, The Kinks and The Jam. Bei meinen Eltern deponierte ich sofort den Wunsch, unbedingt eine Vespa haben zu wollen. Ich erkundigte mich sogar, ob es möglich wäre, den Bausparvertrag früher aufzulösen. Östi kannte in der Judengasse einen Shop, der auf alles, was eines richtigen Mods bedürfe, ausgerichtet war. Ich teilte meinen bereits sich etwas wundernden Eltern mit, dass nur Bares Wahres für den unmittelbar bevorstehenden Geburtstag wäre. Ein bisschen Erspartes hatte ich auch noch.

Die erste Schulwoche im neuen Jahr 1981 war die bisher intensivste Transformationsphase meines Lebens. Die langen Haare wurden im Internat eigenhändig auf drei Zentimeter gekürzt und blauschwarz gefärbt. Meinen Geburtstag verbrachte ich mit Östi in der Judengasse. Jeder Groschen, den ich besaß und bekommen hatte wurde in Mod-Outfits investiert. Die Erzieherinnen waren geschockt; die meisten Internatskolleginnen tuschelten verhalten. Wir waren glücklich.

Als ich am nächsten Wochenende heimkam, war mein Vater nicht geschockt; alle anderen schon. Meine Oma meinte pikiert wirkend „So, kannst doch net in der Kirchn lesen am Sonntag. Du schaust aus wia a Ratz!“

Und ob er konnte … der Ratz im Parker mit überdimensionalem Peace-Zeichen hinten drauf. Dem Herrn Pfarrer war es herrlich wurscht, wer seine Lesung vortrug. Er schmunzelte und genoss es anscheinend, einmal während der Messe nicht im Mittelpunkt zu stehen.

© Maria Modl