Die süßeste Versuchung, seit es Bälle gibt

Tanzen hatte mir mein Papa beigebracht; anfangs ich auf seinen Füßen stehend im Dreivierteltakt, später zu Polkarhythmen. Anfangs der Achtziger war meine Zeit gekommen, das Tanzbein auf so viel wie möglich Bällen zu schwingen.

Die Tanzschule Pauser hatte damals eine Kooperation mit meiner Grinzinger Schule Mädchenschule und der HTL Schellinggasse. Mein Tanzpartner wurde der langschlaksige, blonde Christian. Nach zweieinhalb Jahren nahmen wir bereits an Tanzbewerben teil, wobei wir oftmals das Gefühl hatten, die Ellmayer-Schüler würden bevorzugt. So entwickelte sich eine Art Aversion gegen diese Elly-Schnösel, wie wir sie nannten. Die elitäre Aura, die diese Paare umgab, war irgendwie brüchig; zumindest in unseren Augen. In punkto Benimm-Regeln orteten wir auch keine Unterschiede. Doch bei den wirklich namhaften Bällen kamen wir kaum zum Zug; das war den Elly-Schnöseln vorbehalten.

Umso erfreuter war ich, als wir 1983 informiert wurden, es würden kurzfristig zwei gute Linkswalzer-Paare gesucht, die beim Bonbon-Ball für die Tanzschule Ellmayer einspringen würden. Wir hatten zwei Tage Zeit, die Polonaise einzustudieren.

Schon bei den Proben in der Hofburg war mir ein Typ besonders aufgefallen, der mir aufgrund seines extrem perfekten Benimmgehabes negativ auffiel. Auch dass seine Tanzpartnerin nicht nur bildhübsch, sondern auch noch mit einer Traumfigur belohnt war, verursachte in mir Neidalarm; natürlich latenten. In der Garderobe wurde getuschelt, Helena – wie sonst sollte sie heißen – habe sich zur Wahl der Miss Bonbon angemeldet. Dabei werden nach alter Tradition Ballköniginnen in Manner-Schnitten aufgewogen. Nichts für mich, da ich – eher wohlgerundet – kein allzu gutes Verhältnis zu Waagen hatte.

Am Ballabend wartete ich umsonst beim Eingang des Wiener Konzerthauses auf meinen Tanzpartner Christian. Doch ich war nicht die einzig Übriggebliebene. Elly-Schnösel „Paris“ war seine Helena ebenfalls abhandengekommen. Und so wurde entschieden, uns zusammenzuspannen. Seine Verzweiflung dürfte ähnlich groß wie die meine gewesen sein. Doch das änderte sich, je länger wir miteinander tanzten und der Abend dauerte.

Billy – Wilhelm und Willy lehnte er kategorisch ab – war ein wunderbarer Tänzer. Wir waren eines der zwölf „Fleckerl-Paare“, die den Standwalzer präsentieren durften. Ich schwebte stundenlang mit ihm übers Parkett und wir verstanden uns ausgezeichnet. Wie sehr hatte ich mich doch geirrt. Gerade seine Zuvorkommenheit faszinierte mich mehr und mehr.

Als er bei der Kür der Miss Bonbon mir „Da haben’s aber eine Extradünne gnommen. An der ist ja gar nichts dran.“ ins Ohr flüsterte, war es endgültig um mich geschehen. Beinahe ein Jahr lang waren wir ein Paar, das sich durch viele Nächte tanze. Leider riss der Kontakt ab, als Billy in die USA ging zwecks Studierens.

„Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich, tanze“ – das ist eben die typisch österreichische Seele!

© Maria Modl