Die Schwierige

Ein gewisses Maß an Diplomatie im Leben anzuwenden, ist kein Fehler.

Ich war als Schülerin angeblich schwierig, da ich meist dazu tendierte direkt an- und auszusprechen, was viele nicht hören wollten. Doch ich hatte eine dicke Haut, die darauf ausgerichtet war, zumindest im gleichen Maße einstecken zu können, wie ich selbst ach so gern bereit war, auszuteilen.

Anscheinend befanden meine Klassenkameradinnen mich gerade aufgrund dieser Eigenschaften als „die“ ideale Wahl für die Funktion einer Klassensprecherin. Eine, die sich traute; ausgestattet mit einer gehörigen Portion Idealismus und diesem „Ich_scheiß_mir_eben_nichts_Gen“.

Fielen Stunden aus, war ich die erste beim Lehrerzimmer, um mit Professoren auszubaldowern, inwiefern einzelne Fächer, die mit Freistunden unserer Pädagogen konform gingen, vorgezogen werden konnten; quasi um Win-win-Situationen für beide Seiten zu erlangen. Schon bald war ich für meine Stunden-Dealerei bekannt, die mir nicht nur Fans unter den Lehrern einbrachte.

Ähnliches bezog sich auch auf sämtliche Ungerechtigkeiten, die Klassenkameradinnen betrafen. Rasch entmündigten sich die Damen meiner Klasse gern selbst, mir die sie verteidigenden Agenden mit Freude überlassend. Ab der dritten Oberstufe wurden mir spezifische Talente in Sachen Rechtsvertretung und Argumentation nachgesagt; mein Bio-Lehrer meinte sogar, er wolle mir niemals vor Gericht begegnen, hätte ich eventuell eine Staatsanwaltschaftsrobe übergestreift.

Natürlich kennt man als Pädagoge aufgrund derartigen Verhaltens deinen Namen sehr schnell. Bei Stundenwiederholungen – fiel auch meinen Mitschülerinnen auf – war ich zweifelsohne die Spitzenreiterin bezüglich der geeigneten Opferauswahl. Ging es darum, auf wessen Kappe die eine oder andere aus Lehrerperspektive betrachtete Untat gehen möge, so war mein Name sicherlich einer der am häufigsten genannten.

Zur lebenden Legende unter Schulinsidern wurde ich allerdings dadurch, als ich mir bei einer Jahresstoffprüfung ein Jahreszahlenduell mit dem sechs Jahre älteren Geschichtslehrer lieferte. Er blond, blauäugig, Sechskantgesicht, Teeny-Schwarm. Ich stand damals auf Bowie, Klaus Nomi und Nina Hagen. Er wollte meinen Kopf. Ich ihn vorführen, da ich mit seinem „Frauen an den Herd – Emanzen in den Herd – Schmäh“ nicht zurechtkam. Wie gern er mich doch hingerichtet hätte, teilte er mir zwanzig Jahre später bei einem Klassentreffen mit, das zeitig in der Früh damit endete, dass ich ihn zuhause ablieferte. Seither sind wir befreundet und treffen uns regelmäßig.

An meine Schulzeit denke ich gerne und schmunzelnd zurück; bis auf Mathe.

Mit zunehmendem Alter bin ich „diplomatischer“ geworden. Allerdings bemühe ich mich um ein diplomatisches Maß, das mir den Blick in den Spiegel leicht macht, indem ich meinem gespiegelten Ich lächelnd bestätigend zuzwinkern kann; weder buckelnd, noch mich verbiegend, oder gar kriechend! My way.

© Maria Modl