Ein Ort, wo Weihnacht nicht hinkam

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Ein Ort, wo Weihnacht nicht hinkam | story.one

Seit einigen Tagen hatte ich ihn nicht gesehen, meinen Nachbarn. Opa Pulz, wie ihn meine Kleinen zu rufen pflegten, wohnte damals in der Wohnung über mir; seit dem Tod seiner Frau alleinstehend; keine Kinder.

In der Nacht hatte es geschneit. Endlich, denn zwei Tage vor dem Fest ließ dies Hoffnung auf weiße Weihnacht aufflammen. Normalerweise war Opa Pulz trotz seines hohen Alters von über achtzig Jahren der Erste, der des Morgens schon schaufelte. Diesmal allerdings nicht. Ich musste nachschauen.

Nach mehrmaligem Klopfen machte mir das krank wirkende, trotzdem vertraute Gesicht auf. Er liege bereits seit vier Tagen, meinte der alte Mann, sehr schwach wirkend. Er denke, eine Grippe habe ihn erwischt; ich solle ihm fernbleiben. Natürlich tat ich das nicht. Schnell war der Hausarzt für den Nachmittag geordert und eine Hühnersuppe auf den Herd gestellt.

„Das ist ja wie Weihnachten und Ostern auf einmal“, bedankte er sich immer wieder. Sämtliche „Das ist doch normal, dass einer dem anderen hilft“ Antworten ließ er nicht gelten.

„Nix is normal, Mäderl“, wurde die zuvor schwache Stimme lauter, „glaub mir, wennst das gsehn hast, was ich gsehn hab … nix is normal auf dieser Welt!“

Und dann ließ ich Opa Pulz einfach erzählen, während die Hühnersuppe köchelte:

„Damals im Kessel von Demjansk, im Winter 1942, dort war das. Du verlierst völlig jegliches Zeitgefühl. Obwohl wir Tage zuvor die Umkesselung der Russen gesprengt hatten, hatten sie uns wieder unter Dauerbeschuss. In letzter Zeit hör ich die Stalinorgeln wieder viel lauter. Glaub mir, die vergisst du nie. Die meisten, mit denen ich dorthin gezogen war, waren schon tot; auch der Fredl aus Auersthal, den ich schon lang vor dem Krieg gekannt hab. Es war so kalt, das kannst dir gar nicht vorstellen. Wir waren keine erkennbare Truppe mehr; nur mehr Versprengte; null Orientierung. Die Nachschublinien waren seit über einer Woche unterbrochen; nichts kam zu uns durch. Kein Essen, kein warmes Gwand, keine Schuhe. Nichts. Die Russen kannten ihren Winter. Die waren vorbereitet. Und sie waren so viele. Sie wurden uns regelrecht vor die Maschinengewehre getrieben. Und immer wieder kamen welche nach. Es hörte nicht auf. Ihre gefrorenen Leichen wirkten bald wie bizarre Gebilde; so wie sie da auf den Feldern lagen. Ich robbte immer wieder hin und raubte den Toten, was sie nicht mehr brauchten. Handschuhe, zum Beispiel. Doch nicht nur von den Russen, auch von gefallenen Kameraden“. Manche haben durch deren Fleisch überlebt. Das hab ich mir erspart, weil’s uns aufgegriffen haben. Doch das vom Gefangenenlager musst dir jetzt nimmer anhören. Aber glaub mir, ich hab den Ort erlebt, wo Weihnachten nicht hinkommt.“

Ich hatte klischeehafte Kriegsweihnachtsbilder aus Filmen im Kopf, in denen sich gegnerische Soldaten zu Heilig Abend umarmen und Kerzen in Händen halten. Sie zerrannen.

„Mäderl, die Hendlsuppm ist dir gelungen“, freute ich mich über das Lob. Weihnachten war trotzdem spürbar; hier.

© Maria Modl