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Hipp hipp hurra - doch keine Fußball-Story

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Hipp hipp hurra -  doch keine Fußball-Story | story.one

„Schneider“, vernahm ich eine eher unsicher klingende Stimme eines wahrscheinlich schon ziemlich alten Herren am anderen Ende der Leitung, die ich hergestellt hatte. Doch bereits nach wenigen Worten wusste ich, dies war nicht jener Josef „Peppi“ Schneider nach dem ich bereits seit über fünf Jahren vergeblich gesucht hatte.

Mein Vater gehörte als Jahrgang 1927 zum Hitlerschen Last-Minute-Aufgebot, heute noch als die „Kanonenfutter-Kompanie“ bekannt. Raus aus der Lehre, rein in die Uniform. Die Zeit war gekommen, nicht mehr deutscher Soldat zu spielen, sondern einer zu sein.

Bereits einige Zeit war ich im Kontakt mit dem Internationalen Roten Kreuz, da ich Peppi Schneider suchen wollte. Jenen Menschen, den der zunehmend an Präsenz gewinnende Langzeiterinnerungsspeicher meines beinahe achtzigjährigen Vater damals das erste Mal ausgespuckt hatte. Jenen Menschen, dessen er sich seither immer und immer wieder erinnerte. Dasitzend, die nicht mehr so klar wirkenden, bereits müde erscheinenden Augen mit Erinnerungsflüssigkeit sammelnd, die seinen Blick ins tiefste Irgendwo seiner Seele tauchen ließ.

Auch Peppi war einer der Kanonenfutter-Darsteller. Jahrgang 1926 aus Berlin stammend. In der Nähe von Leipzig waren die Burschen ab September 1944 in einer ehemaligen Napola in einem Schnellsiedekurs zu Scharfschützen ausgebildet worden. Ob Ost-Front oder West-Front war egal; gestorben wurde überall in derselben Manier. Mein Vater und der Peppi, mit dem er sich bereits angefreundet hatte – der gemeinsame Nenner war der Fußball – wurden nach Fürstenberg, dem heutigen Eisenhüttenstadt, geschickt.

Dort galt es die Oder-Brücke gegen die bereits bedrohlich vorgerückten Russen zu verteidigen und zu halten. Beinahe unglaublich, dass dies den Verteidigern, die beinahe alle im Alter meines Vaters waren, wochenlang gelungen war. Da Winter war, mussten sie auch darauf achten, dass es den Angreifern nicht gelang, über die zugefrorene Oder ans deutsche Ufer zu gelangen. Die Beinah-Kind-Soldaten wurden immer wieder die Brücke entlang an den Pfeilern positioniert.

Mein Vater und Peppi hatten vereinbart, dass sie auf das Kommando „hipp-hipp-hurra“ von Pfeiler zu Pfeiler liefen. Immer zu zweit. Er vorne, Peppi dahinter. An einem Tag Ende Jänner 1945 ertönte wieder der gemeinsame Schlachtruf. Papa verspürte einen Stoß, fiel hin, Peppi auf ihn drauf. Seinen Freund hatte es erwischt. Er hatte die Kugel abgefangen, die vielleicht meinem Vatter gegolten hatte. Peppi kam ins Lazarett, danach durfte er heim nach Berlin. Die beiden hatten sich nie wiedergesehen.

Dies wollte ich zum 80. Geburtstag meines Vaters ändern. Doch leider sollte mir dies nicht gelingen. Der Name Josef Schneider war ein sehr häufiger früher gewesen. Ein Peppi Schneider aus der Nähe von Berlin übrigens, wirklich Jahrgang 1926, erzählte mir, er hätte den Krieg wo ganz anders verbracht – im KZ Treblinka. Den Krieg interessieren Namen eben nicht.

© Maria Modl 11.06.2019

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