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Hochzeit – aber ohne Peckerl

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Hochzeit – aber ohne Peckerl | story.one

Die Achtzigerjahre waren echt eine schrille Zeit. Wir waren mit unserer 1961iger Primavera unterwegs ins Weinviertel. Ich hatte gerade mitten auf der Brünnerstraße auf dem Vesparücksitz seinen Antrag bekommen. In voller Fahrt, sodass mein damaliger Zukünftiger jetziger Ex bis zum Zielort nicht wusste, ob der Fahrtwind mein Ja zurück Richtung Wien verweht oder mir die Stimme verschlagen hatte. Ganz ehrlich? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Am Zielort angelangt, sollte die frohe Botschaft sogleich meiner Familie mitgeteilt werden. Glücks- bzw. hiobsbotschaftsmäßig schon ziemlich abgehärtet – hatten meine Eltern doch erst drei Wochen zuvor von der bevorstehen Erhebung in den Großelternstand erfahren – wunderten sie sich über kaum noch etwas. Noch am selben Abend war der Hochzeitsschlachtplan ausgeheckt und das Arrangieren nahm seinen Lauf. Meine Mutter war schnell ihn ihrem Element. Die zweitbeste Freundin bereits mit der Trauzeuginnenrolle betraut; die beste war schon für die zukünftige Taufpatin reserviert.

Mein Vater wirkte seltsam stoisch ruhig. Wolfi war sein Traumschwiegersohn. Er vervollständigte einiges, das mein Vater an sich selbst vermisste: groß, ausgeglichenes Wesen und vor allem handwerklich hochbegabt; selbst aus nichts konnte noch etwas werden.

Irgendwie satten Blickes – nicht angefressen, sondern eher sehr froh, diese Tochter an den noch dazu für ihn passenden Mann gebracht zu haben – entfuhr ihm unvermutet „Aber ohne Peckerl, das sag ich euch gleich. Wenn Hochzeit, dann ohne Peckerl.“

Es hätte mich gewundert, wenn unser Familienskeptiker und Idipferlreiter nichts zu bedenken gegeben hätte. Es ging um Thommy, den Bruder meines Neo-Verlobten. Einen Punk. Mit allem Drum und Dran, was einen solchen ausmachte. Allerdings ohne dem befürchteten „Peckerl“, wie mein Papa Tattoos zu nennen pflegte. Ich erklärte ihm, dass mein zukünftiger Schwager gar keines habe. Außerdem, gab ich Papa zu verstehen, sei Thommy deshalb Punk, da er aufgrund seines angeborenen Herzfehlers eher klein- und zartwüchsig war und dies durch Äußeres kompensieren wolle.

Am Tag der Hochzeit. Mein Schwager in spe hatte sich extra in volle Schale geworfen. Springstiefel glänzendst geputzt; schwarze Jeans beinah künstlerisch gelöchert; Lederjacke der Marke drei Nummern zu groß mit Nieten und Ketten bestückt; Hufeinsen-Nasenring; Tunnels jedes Ohrlapperl verzierend und einem gut 30 Zentimeter Irokesen in Gelbtürkisblau schattiert in Zuckerwasser-Panade stehend.

Mein Vater konnte Thommy nicht davon überzeugen, für ein paar Minuten mit ihm im Badezimmer zwecks Umstylings zu verschwinden. Und so hatten wir besonders farbenfrohe und außergewöhnliche Hochzeitsfotos mit eindeutigem Blickfang – links neben dem Bräutigam ein Typ mit Iro und rechts neben der Braut ein zweifelnd Blickender, dem ebenfalls die Haare zu Berge standen. Nichtsdestotrotz wurden die beiden an diesem Abend noch gute Kumpels.

© Maria Modl 27.11.2019

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