Metamorphose - Total Change

Noch sind Spuren eines Ichs zu erkennen, die sie nach wie vor versucht, wegzuleugnen. Doch so einfach ist das nicht mit diesem Auslöschen dessen, was sich bei seiner Zeugung als Mensch festgelegt hat. Dieses X-Chromosom, das nicht fähig gewesen ist, sich gegen die Übermacht des Ypsilons durchzusetzen.

Sie schließt die Türe des Klos mit dem entzückenden Schild, das ein kleines Mädchen sein Röcklein beschämt in die Höhe raffend darstellt, zaghaft, beinahe genussvoll im Gedanken, dazu zu gehören. Rudi fühlt sich – dort richtig gewässert – nun angekommen.

Auf dem Weg zu dem Ecktisch wird ihr bewusst, dass Zeit vergangen ist. Zeit, die ihr genügend Zeit geboten hat, ihr eigener liebster Gesprächspartner zu werden.

Zeit, – zu deren Beginn noch ein Mann – die sie sich nehmen hat müssen, um sie selbst zu werden.

Mittlerweile rauchen mehr Frauen als Männer …, tief in sich hinein sinnierend, zündet sie sich wiederum eine Zigarette an. Erst vor kurzem ist sie umgestiegen auf die langen KIM. Wirken einfach femininer und passen jetzt eben besser zu einer, wie sie ist. Besonders mit gestylten Fingernägeln.

Sie spürt, wie die Blicke des Nachbartisches förmlich an ihr kleben bleiben.

Lächle charmant zurück. Hefte dich deinem Betrachter an seine voyeuristischen Fersen. Hinterfrage nicht seine Gedanken. Schon gar nicht, ob er das denken könnte, was du vermutest, das du ihm aufgezwungen hättest, denken zu können. Von dir.

Ein immerwährender Lernprozess. Mach dich dir bewusst, dann wirst du deiner bewusst. … Gescheites Reden bis zum Erbrechen dessen, was wirklich dahintersteckt. Sie können gar nicht anders, als so zu tun, als ob sie dich verstünden und du ihnen so gar nicht auffällst.

Dieses verdammte Zucken des linken Augenlides, so dass du selbst glaubst, dein Auge bewege sich augenscheinlich derart auffällig, dass du dich dem Auge deines Betrachters förmlich aufdrängest, macht sie nervös. Sie hat die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt, nicht zu dem zu werden, was sie niemals hätte sein wollen, niemals gewesen war. Ein Problem.

Nein, sie vermisst sie nicht, jene Zeit und sie bereut auch nicht diese Zeit, die sie sich gegeben hat, um Rudi, ihre beste Freundin, die ihres besten Freundes Rudi werden zu lassen.

Ständig im Ohr dieses „Aha, das bedeutet, ich bin dann quasi mit einer Frau verheiratet. Oder wie? Ich bin nicht lesbisch, hörst du! Ich habe einen Mann geheiratet. Verdammt nochmal, einen Mann, hörst du! Du bist der Mann, Du hast es geschworen … mein Mann zu sein, Du ...“ nervt einfach nur.

Diese Ewigkeit einer Zigarettenlänge legt sich schwer auf ihr Gemüt und die vom ewigen Rauch braun gefärbten Wände, umrandet von samtenen Vorhängen, die, wären sie atmende Lungen, bereits ihren Dienst versagt hätten, neigen sich bedrängend auf sie herab. Ihr fröstelt. Einen Moment.

Sie vermisst nur gerade ihr Du aus den guten Zeiten. Doch frönt sie ihrem Ich in diesen Zeiten, die schlecht gemacht werden.

„…wie in guten so auch in schlechten Tagen ….“

© Maria Modl