"Mit oder ohne?"...Das ist hier die Frage!

Ich liebe sie ganz einfach, diese Kinder, die irgendwie so anders sind. So unverfälscht. Aus sich heraussprudelnd. Noch nicht zu systemangepasst. Und ich liebe es, meinen kleinen Tribut beisteuern zu können, ihre Leben ein klein wenig zu erleichtern. Zumindest in schulischen Belangen.

Vor etwa 27 Jahren fragte die Nachbarin einer Freundin meiner Nachbarin mich, ob ich ihrem Sohn in Französisch helfen könnte. Ich ließ mich drauf ein. Seither lerne ich mit Kindern. Immer wieder wird mir dadurch diese wunderbare Chance geboten, in die Welt der jungen Menschen des jeweiligen Heutes der letzten 25 Jahre einzutauchen. Es sind hauptsächlich jene, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, sich teure Nachhilfen zu leisten. Viele von ihnen leben ihre Leben nun bereits so, wie sie es stets vorgestellt und vielleicht auch sogar erträumt hatten.

Vor einigen Tagen, am Vorabend des Valentinstags 2019, waren Tom und Manuel bei mir. Der familiäre Background wäre gesellschaftlich wertend wahrscheinlich eher mit sozial schwach zu beurteilen. Die nächste Englisch-Schularbeit stand bevor. Siebente Schulstufe. Zwölf und dreizehn. In den letzten Ferien waren die Stimmen noch kindlich, nun jene Toms noch eher gebrochen und Manuel ging bereits als Bassbariton durch. Natürlich wird aus Ernst auch immer wieder Spaß, und so bemerkte ich ein plötzliches Tuscheln.

„Mit natürlich“, zischte Tom dem anderen leicht errötend ins Gesicht, nachdem ihn dieser die Frage „Mit oder ohne?“ gestellt hatte. Neugierig versuchte ich mein Wissensdefizit zu stillen, indem ich beide fragend anblickte. Da verriet Manuel, dass Tom eine Freundin habe. Und gleich darauf wusste ich, dass es die Selina sei. Dann tuschelten die beiden weiter.

Ich versuchte, mich nochmals des Inhalts des Vernommenen zu entsinnen. „Mit oder ohne?“ – „Mit natürlich!“. Die sichtlich sich erregt unterhaltenden Minimannausgaben anstarrend, rutsche mir plötzlich die Frage „Sagt mal, lest ihr Bravo?“ heraus. Ich wurde mit einem „Das ist ja was für Babys.“ beinah wortsynchron von beiden abgespeist. Wenige Minuten später war die Lernstunde zu Ende.

Manuel wurde wie immer von seiner Oma abgeholt, die mir erst kürzlich erzählt hatte, seit dem neuen Schuljahr schlafe er ganz alleine in seinem neuen Zimmer. Nicht mehr bei ihr im Bett. Tom hatte einen weiten Fußmarsch zu bewältigen, daher fuhr ich ihn meist nach Hause. Auch dieses Mal.

Vor seiner Haustür angekommen, konnte ich es nicht sein lassen, ihn zu fragen, was „Mit natürlich“ bedeute. Er blickte sich vorsichtig um und flüsterte mir seine Wahrheit ins Ohr. Dann packte er schnell seine Tasche und stieg aus. Trotz der bereits eingetretenen Dunkelheit erkannte ich, dass er wieder ganz rote Wangen hatte.

Beim Heimfahren schmunzelte ich tief in mich hinein. Menschen ändern sich, auch Lerninhalte. Doch auch für uns war es damals ganz wichtig gewesen, von den anderen zu erfahren, ob der erste Kuss mit oder ohne Zunge war.

© Maria Modl