Na woart, des gibt Kriag!

Der 1. September 1939, ein sonniger Freitag, war jener Tag im Leben meiner Mutter, der damals siebenjährigen Everl, der sie noch lange prägen sollte. Einer ihrer letzten Tage „in Freiheit“, denn schon ein paar Tage später sollte sie ins Schulleben eintreten.

Beinahe täglich hatte sie in den Ferien mit ihrer besten Freundin Kathl der Großi bei deren Gemüsestandl bei der Pestsäule im Zentrum der Kleinstadt verkaufen geholfen. Dort war immer was los. Dann durften Sie der Großmutter zuerst helfen, zeitig am Morgen das Gemüse im Schrebergarten, zu ernten. Die Großi benützte dazu immer ein Messer, das sie in einem Lederschaft, der in ihrem rechten Schnürschuh steckte und unter den langen Kitteln ihrer meist schwarzen Kleider nicht hervorlugte, versteckt hatte. „Meinen Spezialtaschenfeitl“ nannte die über Sechzigjährige, jedoch viel älter wirkende Frau, ihr tägliches Werkzeug, mit dem sie alles schnitt als auch gleich putzte, was sie sodann auf dem Markt bei der Pestsäule verkaufte. Die Großi war eine sehr geachtete ältere Dame, deren beinahe schon weise wirkender Rat gerne von unterschiedlichsten Marktgängern eingeholt wurde.

Dem Everl war an diesem Tag aufgefallen, dass die Leut‘ besonders gschaftig herumwuselten; dabei etwas aufgebracht wirkend. Viele bündelten sich in kleine Gruppen, die Köpfe zusammensteckend und in schwer verständlichem halblautem Flüsterton nuschelnd. Die Großi schimpfte und nörgelte an diesem Tag mehr hinter ihrem Standl herum als sonst, fiel nicht nur Everl auch der Kathl auf. Sie war aufgeregt. Warum war ihnen noch nicht bewusst. Es war ein komischer Tag; anders als sonst.

Laute Schrei vernehmend, stoben die Menschen auf einmal auseinander. Einige junge Männer in braunen Uniformen mit roten Armbinden und einer Art Kreuz drauf – nicht das der Kirche – trieben ein paar Männer vor sich her. Einer, ein alter Mann mit weißem Bart und Hut, wurde auf den Boden gestoßen. Der Kübel und Besen in seinen Händen schlugen hart am Boden auf.

« Wosch des Pflosta, du Saujud ! », schrie ein großer Blonder, der Everl bekannt vorkam.

Da stob aufgebracht die Großi hinter ihrem Standl hervor, den Spezialtaschenfeitl, mit dem sie grad die Petersilwurzeln geputzt hatte, in der Rechten.

« Du Rotzbua, du lausiger! Wos glaubst werst bist? », stürmte sie auf den Gewalttätigen zu, weiterbrüllend «Loss den Herrn Mass in Ruah! Waunn ich des deinem Vater erzähl, na woart, daunn gibt’s Kriag! »

«Den hamma scho, Frau Nekham! Seit heut! Und wenn’s net gleich still sind, dann sitzn’s heut noch mit dem Oidn do im Zug! Des schwör ich Ihnan! » Der Blonde packte die Großi am Arm und schleifte sie weg.

Meine Mutter, das Everl, lief zum Gemeindeamt gleich ums Eck, wo deren Tonitant, eine Schwester ihrer Mutter, als Gemeindesekretärin tätig war. Mithilfe des damaligen Krankenkassenvorstands und dessen Intervention gelang es, dass meine Urgroßmutter die Reise mit jenen, denen sie helfen hatte wollen, nicht antreten musste.

© Maria Modl