Peter - alle Jahre wieder!

„BITTE DRINGENDEN RÜCKRUF“ – Nachricht: gestern 23:12.

Selbst wenn ich Weihnachten vergessen und zumindest negieren hätte wollen, diese obligatorische SMS durfte im jährlichen privaten Vorweihnachtsgetümmel nicht fehlen. Also folgte ich der späten Aufforderung, von der ich im Vorhinein wusste, was an Inhalt auf mich zukommen würde. Nämlich Peter.

Peter ein Freund meines Bruders aus Kindheitstagen war schon lange aus unserer Kleinstadt weggegangen. Er war einer der Besonderen, anders als die meisten hier, behindert irgendwie, so wie mein Bruder. Deshalb wahrscheinlich auch diese Connection zwischen den beiden. Ehemalige Sonderschulleidensgefährten. Sogar dort beide Außenseiter gewesen. In den 70igern trieb eines Sommers mal ein Autoreifenstecher bei uns sein Unwesen. Die Polizei war im Großeinsatz. Erster Hauptverdächtiger war damals der Peter, der zweite mein Bruder Siegfried. Außer der Norm war damals anscheinend verdächtig. Siegi schwerhörig und sprachbesonders, Peter irgendwie retardiert anders im Gehabe als auch im Aussehen. Ganz ehrlich … irgendwie war er mir damals unheimlich gewesen.

Seit ein paar Jahren, nachdem ich Peter eines Tages am Wochenmarkt getroffen und ihn kurzfristig zum Mittagessen eingeladen hatte, kam er regelmäßig so drei- bis viermal im Jahr zu uns zu Besuch. Das bedeutete Mittagessen um etwa 12.30 und danach noch eine gemütliche Jause – sprich auf die Dauer von etwa vier gemeinsam verbrachten Stunden, in denen lebensrhythmusbezogen upgedated wird.

Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest bedeutete dieser Besuch für mich jedes Mal Zeit zu investieren, die ich kaum hatte. Kochen, obwohl ich es sonst nicht gemacht hätte, da ich mich vielleicht doch noch von einer Weihnachtskaufrauschwahnwelle mitreißen hätte lassen wollen. Doch es bedeutete auch, sitzen und reden über Inhalte, die jedes Jahr dieselben waren. Es bedeutete zu lächeln, in Erinnerungen zu schwelge und ruhiger zu werden.

Ab dem ersten über die Türschwelle gesetzten Schritt bekam ich ein ereignisreiches Update über die letzten fünf Monate, seitdem wir uns nicht mehr gesehen hatten. Die Fahrt mit der Lieblingsband auf der Donau nach Melk und retour. Der Besuch eines Waldviertler Stiftskirtags Ende August. Die Freude, den Priester aus Kindheits- und Schultagen wieder gesehen zu haben. Und wie jedes Jahr stellte ich mir die Frage, ob Peter wusste, dass sein ganzer ehemaliger Heimatort seit Ewigkeiten dachte, dieser Pater sei mehr als nur sein ehemaliger Religionslehrer für ihn seit seiner Geburt.

Und wie jedes Jahr lauschte ich Peters Erzählungen, und wie jedes Jahr verging die Zeit so schnell. Zu schnell. Denn … so wie jedes Jahr machte sich so ein ganz eigenes Gefühl in mir breit. Eine seltsame Mischung aus Bescheidenheit, Stille und Dankbarkeit. Wofür? Peter gab mir auch diesmal wieder die Antwort.

Zuerst kommt Peter, dann kann Weihnachten kommen. Hoffentlich alle Jahre wieder!

© Maria Modl