"Pink Noise Pur“… auf der Tangente

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Penetrant unaufhörliches Gehupe des blauen Opels hinter mir reißt mich abrupt aus meiner starrenden Lethargie. Das von meinen Augen eben in Form eines pinkfarbenen Schriftzugs an der Heckscheibe des schwarzen Vierer-Golfs vor mir Aufgesogene erreicht erst jetzt die zuständigen Synapsen in meiner Gemütsschaltzentrale – „Fehlendes Tuning wird durch Charm ersetzt“.

Ein herrliches Lachen auslösend, haftet mein Starren noch immer an der Aufschrift am PKW vor mir. Trotzdem nimmt mein rechter Blickwinkel so nebenbei wahr, dass sich der blaue Blitz rechts an mir vorbeischiebt; mit ausgestrecktem Mittelfinger. Ein Klischee-Blondie mit überdimensionaler Sonnenbrille hinter dem Lenkrad. Die Seitenscheibe des Opels fährt runter. Die meine auf der Rechten ebenfalls.

„Oida, wos is mit dir. Hau di auf die Pensionistenspur“, dreht das Unnatürlich-Blond mir sein soloariumlederhäutiggebräuntes Antlitz zu.

„Pomale, pomale! Wo ist das Problem? Soll ich dem Golf auf die Stoßstange hupfen“, antwortend, wird mir klar, dass das mich betreffende „Oida“ von einer mindestens Sechzigjährigen kommt. Zwar spachtelmassig und eindeutig operativ getunt, doch das gröbstporige Hautbild gepaart mit nicht wegzuschminkenden Augenringen und Schlupflidern spricht Wahrheiten an, die absolut nicht ausgesprochen werden wollten. Kein Gesicht, das eine Geschichte erzählen will; vielmehr eines, das versucht, die wahre Story seines Lebens zu verbergen. Die penetrant rosafarbenen Lippen, weit über die natürlichen Konturen hinaus geschminkt, geben der Erscheinung den Rest.

Ein heftiger Ruck lässt mich den Moment meiner Ablenkung abrupt beenden. Meine Vorderfront hat sich tatsächlich mit dem schwarzen Golf vor mir gepaart. Kein sanftes Stoßstangenbusserl; Auffahrunfall, denke ich. Absolutes Albtraumszenario mitten auf der linken Spur der Süd-Ost-Tangente Höhe Handelskai. Ich möchte sterben gehen …

Die Golftür öffnet sich. kognacfarbene Schuhe steigen aus. Ein Mann in dunklem Anzug. Er geht auf mich zu. Links und rechts ziehen Horden an Fahrzeugen an mir vorbei. Nichts staut sich auf; außer ein großes Gefühl an Hilflosigkeit. Und Stiffler’s Mum ist über alle Berge.

Es klopft an meiner linken Scheibe. Mit zitternden Fingern öffne ich: „Alles okay bei Ihnen“, fragend, weht ein Hauch Moschino ins Autoinnere. Der dazu passende Uomo blickt mich – echte Besorgtheit signalisierend – direkt an.

Ein inneres Parallelweltprogramm checkt überhaupt nicht mehr, was mir gerade in diesem Ausnahmemoment als vordergründig wichtig erscheint. Es versucht mir zu erklären, was zu tun sei. Aussteigen, Foto machen, Daten austauschen, den Versicherungs-Andi anrufen, die Kinder informieren … Lederhaut-Blondie verdammen!

Langer Rede kurzer Sinn: Beide Autos konnten eigenständig zum ÖAMTC-Zentrum Wehlistraße chauffiert werden. Er checkte alles problemlos. Ich hab‘ seine Nummer noch immer.

Perfect tuning – thanks to Stifler’s Mum!

© Maria Modl