Team Europa - Eisfischen am Baikalsee

Flügge werden! Das Nest verlassen! Die Flügel ausbreiten! Abheben! Mitten hinein ins Leben!

Sich fügen. Loslassen. Egal wie schwierig es ist. Das Kind ziehen lassen. Sein Leben.

Meine Tochter war stets ein sehr selbstständiges kleines Wesen. Dies perfektionierte sie als beinah erwachsen noch mehr, indem sie im Februar 2012 Richtung sibirisch-kalten Osten abhob. Ziel: Ulan-Ude – Burjatien, um an der dortigen Uni Deutsch als Zweit- und Fremdsprache zu lehren. Wikipedia hatte mich davor aufgeklärt, dass es sich um eine föderalistische russische Republik handle. Dort, wo sich die Transsibirische trennt – nach Wladiwostok oder Peking. Gut erschlossene Gegend Sibiriens gleich oberhalb der Mongolei. Zu erwartende Ankunftstemperatur zwischen -30 und -35 Grad Celsius.

Aller Anfang ist schwer. Ihr Anfang dauerte etwa drei Wochen. Die Burjaten sind allerdings ein wunderbar herzliches Volk und die Studentinnen meiner Tochter wurden schon bald viel mehr als nur solche, zu Freundinnen. Wir skypten viel. Die Leitung war abenteuerlich. Abhängig von den Inhalten, irgendwann kommt man „ihnen“ dahinter, warum gerade in bestimmten Momenten, bei gewissen Wörtern und Sätzen ganz plötzlich die Verbindung abreißt und auch tot bleibt.

Nach etwa fünf Wochen startete meine Tochter einen Blog „Girlie goes Buryatia“. Ein authentisches Tagebuch in Bildern und Worten, Highlights und Ist-Zustände wiedergebend. Ein Tor zur Außenwelt, das von einer Amerikanerin aufgestoßen wurde. Und: Sie war ebenfalls in Ulan-Ude. So begann eine wunderbare Freundschaft. Nach ein paar weiteren Wochen stieß auch noch eine Studentin aus der Schweiz dazu.

Im Mai gab es eine Einladung zum Eisfischen an den Baikalsee. Ein traditioneller Wettbewerb, an dem internationale Studentengruppen teilnehmen durften. Natürlich war mein Kind Feuer und Flamme und dabei; im Schlepptau die beiden neu gewonnenen Freundinnen.

Am Baikalsee angekommen, wurden die Teams bestimmt. Allerdings gab es weder eine USA Flagge (eh klar), noch eine für die Schweiz, und Österreich war den Veranstaltern so gut wie gar nicht bekannt. Doch als meine Tochter versuchte, klarzumachen, dass Österreich in Europa liege, war die Erleichterung bei den Austragenden des Wettbewerbs groß – und plötzlich hielt sie eine EU/Europa-Flagge in Händen. Somit setzte sich das „Team EU/Europa“ aus einer Österreicherin, einer Schweizerin und einer Amerikanerin zusammen, die sogar einen Fisch fingen, mit sage und schreibe 28 Gramm. Mit gelb besternten Jacken in Blau und der Europa-Flagge in Händen schafften sie es sogar, für den russischen Staatsfunkt als Parade-Europäerinnen interviewt zu werden. Als solche waren sie die begehrtesten Interviewpartnerinnen, hofiert und beinahe wie Superstars behandelt.

Bei der Rückfahrt meinte die amerikanische Freundin meiner Tochter fast ein bisschen neidisch: „It’s a damned good feeling to be a European. Be proud of it!“

Wie Recht sie doch hat!

© Maria Modl