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Tintetantes Grundsteinlegung

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Tintetantes Grundsteinlegung | story.one

Die Mitzi – Jahrgang 1896 – war die nächstältere von sieben Schwestern meiner Großmutter. Sie wohnte in Wien-Floridsdorf, war mit dem Robertonkel verheirate und hatte keine Kinder. Es hatte immer ein sehr inniger Kontakt zwischen meiner Familie und der Mitzitant bestanden.

Als der Robertonkel 1970 verstorben war, zog es die Mitzitant immer mehr zu uns aufs Land. Zu meiner Begeisterung und meinem Vorteil ergab es sich, dass sie meistens gleich mehrere Wochen bei uns blieb. Sehr angenehm für meine Großmutter, die – da meine Eltern beide ganztägig arbeiteten – den Großteil des Haushalts schupfte und auch noch meinen Bruder und mich am Schürzenzipfel hängen hatte, denn die Mitzi konnte sie zumindest beaufsichtigungstechnisch entlasten.

Die ganz große Nutznießerin war jedoch ich, denn der Geschichten- und Fantasiereichtum meiner Lieblingstante war quasi unerschöpflich. So hatte ich das ganz große Glück, nicht nur zumindest mit einer Gutenachtgeschichte wunderbar ins Land der Träume eintauchen zu dürfen, auch tagsüber machten wir zahlreiche Fantasiereisen. Die Mitzitant entführte mich in die wunderbare Welt ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Damals … als sie mit 14 Jahren als Hausmädchen zu einer reichen Familie nach Wien kam und die Madame des Hauses rasch erkannt hatte, dass in der Mitzi ein talentiertes Kindermädchen für die drei wohlerzogenen Sprösslinge des Hauses steckte. Damals … in das Wien des Anno-dazumal – noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Bis heute fasziniert mich diese Zeit ganz besonders; vor allem die Literatur der Wiener Moderne.

Als ich bereits die Volksschule besuchte, übernahm die Mitzitant meine Lernbetreuung. Da ich anfangs aufgrund meiner lispelnden S-Aussprache etwas Probleme beim Lesen hatte, ich schämte mich beim lauten Vorlesen ob dieses Mankos, bemühte sie sich liebevoll und mit viel Geduld stundenlang durch unterschiedliche sehr witzige Vorträge und Versuche, mit mir gemeinsam dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Und wirklich, schon im zweiten Semester meines ersten Schuljahres trugen ihre unermüdlichen Bemühungen Früchte, und ich entwickelte mich immer mehr zur wirklich guten Leserin und sogar Gedichtvortragenden, die nunmehr alles andere als Angst vor dem Vorlesen vor anderen hatte.

Ich animierte die Mitzitant dazu, ihre herrlichen Gschichten niederzuschreiben. Dies tat sie in gestochen scharfer Schrift mit ihrer alten Feder, eingetaucht ins Tintenfass. Von dieser Art des Schreibens war ich derart fasziniert, dass sie meine „Tintetante“ wurde. Leider fielen all ihre wunderbaren Lebensgeschichten einem Brand zum Opfer. Aber viele davon sind noch in meinem Kopfkino erhalten geblieben.

Dieser Wert des Vorlesens und Lesens hat sich tief in mir manifestiert und ich habe stets versucht, dies an meine Kinder und viele andere weiterzugeben.

Ich lese heute am VORLESESTAG 26.03.2020 - https://vorlesetag.eu und auf Facebook

#Vorlesetag #CorCooning

© Maria Modl 26.03.2020

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