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Tischerlruckn in der Hofburg

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Tischerlruckn in der Hofburg | story.one

Herzlich willkommen im Wien der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Dieser Satz bringt auf den Punkt, wie schwer Vergangenheit an Jahren wirklich wiegt.

Spätdienst im Hotel Ambassador. Vorderseitig Kärnterstraße, rückseitig Neuer Markt. Eine von Wiens ersten Adressen für gediegenes Ambiente mit Eleganz und Stil in luxuriösem Ambiente.

Ich war als Wirtschafterin für den Einkauf im Küchenbereich zuständig. Die Speisekarte in diesem Haus verursachte bereits beim Durchlesen Zugenaquaplaning.

Das Küchen- und Restaurant-Team war ein ziemlich junges und wir waren eine richtig eingefleischte Crew aus unterschiedlichsten Charakteren, die über die Arbeit hinaus zu Freunden wurden. Besonders gerne machte ich Spätdienst bis etwa 22 Uhr.

Es war an einem 31. Oktober. Halloween hatte Wien jedoch noch nicht in einem Ausmaß wie heute erreicht. Trotzdem hatte sich so ein bisschen Horrorgschichtlstimmung auch bei uns in der Küche breitgemacht. Peter, an diesem Abend Chef de Rang im Restaurant, schlug vor, noch zu ihm nachhause zu gehen. Spannend, denn dies war gleich ums Eck in der Hofburg, da seine Eltern dort quasi die Hausbesorger waren und direkt beim Eingang Michaeler-Tor eine Wohnung hatten.

Dort angekommen – wir hatten kurz in unserer Stammkneipe etwas „vorgeglüht“ – ward die grandiose Idee geboren, wir könnten doch, der Halloween-Nacht gerecht werdend, Tischerlruckn. Aus einem Schuhkartondeckel, Tixo und 4 Bleistiften war schnell ein adäquates „Tischerl“ gebastelt.

Doch dem nicht genug, stand Peter plötzlich mit einer Taschenlampe und einem Schlüsselbund, der an alte Diener in Horrorfilmen erinnerte, vor uns. Er meinte, zu dieser Aktion bräuchten wir auch das angemessene Ambiente. Und so landeten wir nach einer labyrinthartigen Odyssee leisesten schuhlosen Schleichens durch eines der ältesten Gemäuer Wiens im Kleinen Redoutensaal. Dieser war bis auf zwei Stehtische vollkommen leer.

Beinahe andächtig setzten wir Acht uns auf das beeindruckendste Parkett meines Lebens. Der Schein der Taschenlampe ließ Kronleuchter auf weiß mit Gold verziertem Plafond erkennen. Es wurde kaum geflüstert.

Wir saßen in einem Kreis, die Hände ausgestreckt auf dem Tischlein ruhend, so dass die Fingerspitzen der kleinen Finger jeweils jene der Sitznachbarn berührten. So harrten wir der Dinge. Minuten vergingen. Unsere Körperhaltung wurde zusehends steifer und starrer. Nichts.

Doch. Schritte von irgendwo näherkommend. Gerade in diesem Moment bewegte sich das Tischlein und fuhr auf dem weißen Blatt darunter irritierend hin und her. Dann brach der schreibende Stift entzwei. Peter sprang auf und zischte, dass wir sofort weg müssten. Kontrollgang. Wir rannten.

Bis heute stelle ich mir die Frage, was sich wohl der Wachdienstbeamte dachte, als er im Kleinen Redoutensaal ein vollgekritzeltes Blatt Papier mit einem eigenartigen Schreibkonstrukt fand.

Diese skurrile Nacht prägte sich auf ewig tief ein.

© Maria Modl 16.10.2019

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