Verlorene Stunde – Teil I

Zögernd trat sie ein. Das Hawelka zu wählen, nach so vielen Jahren wieder einmal hier zu sein, war wie eine Reise in die Vergangenheit, die sie mit dem Öffnen der Eingangstüre antrat. Tatsächlich war sie im Damals gelandet; gute 30 Jahre zeitrückversetzt.

Nichts hatte sich verändert, zumindest auf den ersten Blick. Die gleichen schwer herunterhängenden Vorhangseitenteile, einstens teurer Brokat in beige-bordeaux, die mittlerweile den Rauch von Jahrzehnten in sich aufgesogen hatten, erfolgreich farblich konkurrierend mit dem streng vergilbten Ton der Wände. Auch dieselben geschäftig herumwuselnden Kellner, die man eigentlich würdevoll nur mit „Herr Ober“ ansprechen wollte. Sogar die Anordnung der Tische und Sessel – unverändert wie eh und je – wich kaum von jener ab, die sie von früher in Erinnerung hatte. Und doch gab es etwas, das ach so vermissenswert war; Herr und Frau Hawelka fehlten und ihre liebenswürdige Aufdringlichkeit des Platzzuweisens. Und Plötzlich fühlte sie sich unbarmherzig ins Jetzt zurückgeschleudert.

Ihr damaliger Stammplatz, das gemütliche Bankabteil rechts hinten beim Fenster, war natürlich vergeben. Egal, denn zu dem Zweck, warum sie hier war, wäre es sowieso taktisch schlauer, einen zentraleren Platz zu wählen; und vor allem einen Tisch für zwei. Zumindest sie wollte keine mehr oder weniger aufdringlichen zusätzlichen Augen und Ohren am selben Platz haben. Ihre Blicke schweiften nicht durch den Raum, sie sprangen hektisch von Punkt zu Punkt.

Da, ein kleiner, feiner Tisch mit marmorgemusterter Platte und zwei Stühlen, zentral mit Blick zur Tür. Ideal. Sich schlank machend, schlängelte sie sich eilig durch die kaum vorhandenen Möglichkeiten, die zum auserwählten Tisch führten. Er gehörte ihr.

Kaum sitzend, bremste sich einer der beiden Ober, „Was darf ich der Dame bringen?“ fragend, neben ihr ein. Wie eh und je orderte sie einen großen Mokka. Ein hektischer Blick auf die Uhr signalisierte ihr, zehn Minuten bis zum ersten Blinddate ihres Lebens. Sich vorsichtig umblickend, zwang sich ihr ein beunruhigender Gedanke auf. Was, wenn er schon da war? Irgendwo, hier sitzend und lauernd. Abcheckend, worauf er sich da visuell einzulassen wagte. Diesmal schweiften ihre Blicke, so unauffällig wie nur irgendwie wirken wollend, durch das Café. Keiner der männlichen Anwesenden entsprach dem muskulös gebauten Fünfziger mit dunklem kurzem Haar und randloser Brille.

Der Kaffee kam. Vom Nebentisch kommend, reizte dieser unvergessliche Duft nach Hawelka-Buchteln ihren Geruchssinn erbarmungslos. Seit Vereinbarung dieses Dates entsagte sie jeglichem Süßem. Die Tür öffnete sich immer wieder. Nichts für sie dabei. Die Uhr signalisierte zwölf Minuten Verspätung. Sie räumte ihm gern die „Akademische Viertelstunde“ ein, nicht nur, weil er Architekt war - angeblich.

Sah man ihr an, warum sie hier saß? ……. (Fortsetzung folgt in „Verlorene Stunde-2. Teil“)

© Maria Modl