Verlorene Stunde – Teil II

Sah man ihr an, warum sie hier saß? Verunsicherung nagte an ihrem Selbstwert. Warum sie ungeduldig leicht mit den Fingern auf den Tisch trommelte, versuchte sie innerlich zu hinterfragen. War es wirklich diese Ungewissheit, was hinter diesem „Lord_69“ stecken möge, oder vielmehr das unaufhörliche Weiterschreiten dieses erbarmungslosen Uhrzeigers an ihrem Arm? Kurz vor 18.30. 18h war vereinbart gewesen. Die Akademische Irgendwas bereits beinahe verdoppelt. Eigentlich unverschämt. Was bedeutet eigentlich „eigentlich“?

Sollte er bis spätestens 19 Uhr nicht eingetroffen sein, dann … ja dann … wollte sie sich endlich ihrem selbst auferlegten Diktat des Verweigerns all des kulinarisch Süßen dieser Welt entgegensetzen. Dann wäre es Zeit für die Buchteln! Ihre inneren Monologe überschlugen sich mit ihren Gedankenfetzen; Schnitzler hätte seine Freude mit diesen gehabt.

War sie eigentlich schon einmal so richtig versetzt worden? Sie konnte sich an keine ähnliche Situation erinnern. Auch damals nicht, als sie mit etwa 17 beinahe täglich ins Hawelka gepilgert war. Dem internatlichen Gehorsam der Knödelakademie entfliehend, von Grinzing kommend mit dem 38iger, war ihr Zufluchtsort in der Dorotheergasse über die Freyung und Naglergasse rasch erreicht. Hier war es, wo sie ihre wenigen Ausgangsstunden – zwischen 5 und 10 pro Woche – bevorzugt verbracht hatte. Hier hatte sie diese kunst- und literaturgeschwängerte Luft geatmet, in der Hoffnung, ihre Worte fänden auch bald ihre Wege auf Blätter, die gerne in Händen von Lesenden gehalten würden.

„Noch etwas, die Dame?“ Vielleicht was Süßes?“, riss sie Herr Alfred, zumindest war besagter Ober zuvor so genannt worden, aus ihrem Sinnieren. Sie verneinte. Ihr gedanklicher Ausflug ins Damals hatte die Zeit um satte 20 Minuten angereichert. Sie wollte sich die wenigen Minuten bis 19 Uhr nicht mehr antun und winkte Herrn Alfred, der ihr mit einem kurzen Wink etwas Geduld signalisierte. Sie selbst gehörte zwar auch nicht zu den Toppünktlichsten, doch beinahe eine Stunde Verspätung … hoffnungslos. Lord_69 hatte sie entweder ordentlich verarscht, oder saß irgendwo, sie beobachtend und den Entschluss gefasst, lieber inkognito bleiben zu wollen. Warum auch immer. Steuerung_Alt_Entfernen. Das war’s dann wohl. Sie war froh, Herrn Alfred auf sie zusteuernd zu erkennen und griff nach ihrer Geldbörse.

„Susanne?“, vernahm sie plötzlich eine wohlklingende, dunkle Stimme und bemerkte einen Schatten, der sich über sie beugte. Als sie den Kopf hob, blickte sie in zwei freundliche Augen, die sie hinter einer randlosen Brille anlächelten. Der Mann reichte ihr die Hand und bückte sich dabei etwas. Da erblickte sie hinter ihm die alte Hawelka-Uhr, auf der es 17:58 war.

„Der Herr wünscht?“, erkundigte sich Herr Alfred höflich, sie mit einem Augenzwinkern anlächeln.

„Einen großen Mokka und ein Mal eure köstlichen Buchteln. Oder vielleicht zwei Mal?“

© Maria Modl