Zeichnen ohne Radiergummi

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Zeichnen ohne Radiergummi | story.one

Ich verlasse Impact Hub und mache mich auf den Weg zur Parkgarage Apollogasse. Wie oft bin ich diesen Weg damals gegangen. Eigentlich könnte ich ein stillschweigendes Jubiläum mit mir selbst feiern. 30 Jahre ist es her, dass ich lediglich etwa 100 Meter Luftlinie von hier wohnte; gleich ums Eck in der Bandgasse. Schon beim Herkommen hat mich so ein seichter Hauch alter Heimat umweht. Zwei Jahre lang, gleich daneben, Lindengasse 48-52, war ich damals beim Kurier schreibend tätig. Alles nicht mehr vorhanden. Wie gut kenne ich beinahe jedes Eck hier in diesem Neubau-Grätzel.

„Lebe deine Geschichte. Deine Geschichten sind dein Leben.“ Der Story-Workshop hatte mich sofort gereizt. Alle drei Machatscheks der Plattform auf einen Streich; das hatte schon was. Als „Early Bird“ sei meine Teilnahme gesichert, kam ein Bestätigungsmail von Martin Strolz‘ Office Leitung retour. Ein Begriff, den ich nicht unbedingt mit meiner Person in Bezug gebracht hätte. Damals.

Nein, ich war kaum jemals der frühe Vogel, der sich den Wurm angelte. Risiko war eher das meine; und eine teils herrliche Unbeschwertheit, von der ich noch nicht alles eingebüßt habe. Auch wenn die Hochschaubahnfahrt meines Lebens mich schon ordentlich durchgebeutelt hat, so ist es mir trotzdem gelungen, an Prinzipien festzuhalten, deren ich mich manchmal zu entledigen bewogen gefühlt hätte; es lebe der Konjunktiv Irrealis!

Besonders interessant war beim Workshop die Frage nach den Beweggründen des Schreiberlings. Der eine will verarbeiten und sich selbst finden, ein anderer möchte Historisches bewahren, und so mancher erhofft sich den Aufstieg in den Storytelling-Olymp. Keine falsche Bescheidenheit vorspielend: Dass Schreiben hauptsächlich dein Selbst bereichern kann, war mir bewusst. Aber dass die Ausbeute an dem, was du dir selbst bescherst, so ausreichend und erfüllend ist, überrascht mich immer wieder aufs Neue.

Ich fahre durch die Herrmanngasse am Wiener vorbei; dort wo ich den Wohnungsübergabevertrag an meinen Nachmieter unterschrieb. Endgültiger Abschied von Wien; wohl auch von einem Teil meines Selbst. Die zweite wegweisende Unterschrift innerhalb weniger Tage. Kurz zuvor war es die Scheidungsurkunde gewesen. Auch jetzt lasse ich mit jedem Autometer mehr und mehr diese Vergangenheit hinter mir.

„Seid Piloten eures Lebens“, wurden wir aufgefordert. Ich bin eine Pilotin meines Lebens; vielleicht sogar eine Kunstfliegerin; aber ich steuere bewusst und ziehe nach jedem Sturzflug das Steuerrad wieder nach oben.

Ich dürfe und solle mich ganz bewusst Autorin nennen, wurde mir eindringlich mitgeteilt. Davor hatte ich bis dato zu viel Respekt. Jetzt ist er weg! Natürlich „Autorin meines Lebens“; völlig zwanglos keinem Geschmacksalgorithmus verpflichtet.

Lehrreiche drei Stunden mit IMPACT on my HUB. Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. Aber das Schreiben bietet mir die Chance, das Produkt meiner Existenz zu bewahren und weiterzugeben.

© Maria Modl