Der Tantenheld

Als mein Neffe geboren wurde, hatte ich noch keine Ahnung, was das "Tante sein" mit sich bringen würde. Die Tanten, die ich kannte, waren in meinen Augen alte Damen oder Mütter anderer Kinder.

Ich war gerade 20 geworden und der Sinn stand mir nach Ausgehen, Tanzen, Spaß haben, mich im Beruf ausprobieren und die richtigen Schritte in die richtige Richtung zu machen und auch die falsche Schritte gründlich ausprobieren.

Da war er nun, der kleine Junge! Der kleine weiße Eisbär, den ich am Tag der Geburt in einem Schaufenster sah und gekauft hatte (es war, warum auch immer, ein Laden, der eigentlich Teppiche verkaufte) sitzt heute noch in einem Regal neben meinem Bett. Ich habe ihn nicht verschenkt, aber er ist mir ein Begleiter geworden und eine ständige Erinnerung an das Gefühl "jetzt bin ich Tante".

Von Anfang an habe ich mich immer eher so gefühlt, als ob ich in der Familie jetzt nicht mehr das einzige Kind (ich war die Jüngste) bin, sondern das wir jetzt zu zweit sind.

Meiner Schwester bin ich immer dankbar, daß Sie es gefördert und möglich gemacht hat, daß ich Zeit (auch Zeit nur zu zweit) mit ihm hatte. Was haben wir nicht alles unternommen?

Besonders in Erinnerung sind mir ein Ausflug nach Venedig, wo er, in Ermangelung eines passenden Mannes an meiner Seite, während der gesamten Gondelfahrt (er hatte das in anderen Gondeln gesehen) einfach so den Arm um mich gelegt hat. Für einen schwer pubertierenden Jungen ein großes Zugeständnis an die "alte" Tante. Und ganz ohne irgendeine Aufforderung dazu.

Und ein Besuch in der - in unseren Augen großen weiten Welt - Maxililianstrasse in München in Mooshamers Laden und unser Gekichere noch Tage danach über den Verkäufer, der mit diesen beiden Kunden gänzlich überfordert schien.

Ach ja, und eigentlich auch der Tag, an dem wir in der Küche seiner Mutter saßen, er inzwischen selbst Vater eines kleinen Sohnes, und feststellten, daß der eine eigenen Tasse im Küchenschrank der Oma hat und wir nicht (aber das ist eine andere Geschichte).

Ein Tantenheld war ich sicherlich in all den Jahren nur an manchen Tagen, wenn es etwas gab, was nur Tanten tun können (das heimliche Schokoladeneis, das große Geheimnis vor den Eltern, das Geld für ...), aber es ist ein schönes Gefühl einiger dieser Tage gehabt zu haben. Und vielleicht kommen ja auch noch einige dazu.

© MariaGrosch