Ein Schwein und ein Fest

Wenn ich heute "From nose to tail" höre, und nicht nur dann, muß ich immer an früher denken.

Ich bin in einem kleinen Dorf auf einem Bauernhof geboren und natürlich haben wir damals mit dem gelebt, was die Jahreszeiten mit sich brachten. Auf die Mirabellen und Kirschen im Sommer kamen die Kartoffeln und Trauben im Herbst und dann war er da, der große Tag Anfang Dezember (einen weiteren gab es dann noch in den letzten kalten Tagen im Februar/März), an dem das Schwein geschlachtet wurde. Für mich war es völlig selbstverständlich, daß dieser Tag kam und eines der Schweine, mit denen ich im Sommer viel Zeit draußen verbracht hatte, geschlachtet wurde.

Es war einfach ein Festtag. Alle waren froh und geschäftig, jeder - auch wir Kinder - hatte seinen Platz und seine Aufgabe und es lag Vorfreude und Aufregung in der Luft. Irgendwie war auch alles - selbst das Handwerk des Metzgers, der damals von Hof zu Hof zog - friedlich. Eigentlich widersinnig denke ich heute, aber damals war es einfach so.

Bald lagen die dicken Würste in der Wurstsuppe, die Schinken wurden gepökelt, das Fleisch zerteilt und fürs Einfrieren vorbereitet, teilweise wurden Fleischstücke auch noch in Gläsern eingekocht.

Und dann kam meine Stunde. Mit einer Milchkanne, gefüllt mit Wurstsuppe, bin ich los. Erst zum Apotheker, dann zu dem großen Haus in der Dorfmitte, in dem der Direktor, ein zugezogener Städter, mit seiner Frau wohnte. Und immer zurück nach Hause und mit einer neuen Füllung wieder los. Und als Bringkind der Köstlichkeit (die ich selbst nie mochte) gab es meist Schokolade - manchmal eine ganze Tafel. Was für ein Glück in einer Zeit, in der man mit dem mühsam gesparten oder erbettelten Zehnerl ein Stückchen Schokolade lose beim Bäcker kaufte und - vor lauter Aufregung - schon auf dem Weg nach Hause gegessen hatte.

Noch heute denke ich gerne an den Schlachttag und alles, was ich damit verbinde. Zusammensein in der Familie, Schokoladenglück, der Duft vom Holz, mit dem der Kessel geheizt wurde und die Vorfreude auf die frische Bratwurst, die es nicht oft im Jahr gab.

Heute bin ich unangestrengt Vegetarier, freue mich immer, wenn ich Schweine auf der Wiese oder auch im Stall sehe und drücke uns allen die Daumen, daß wir einen Bezug zu dem haben, was immer wir auch essen.

Übrigens habe ich aufgehört Fleisch zu essen, als wir aufhörten selbst zu schlachten. Dann gab es keine Carepakete mehr von zu Hause und als ich das erste Schnitzel aus dem Supermarkt in der Pfanne sah und roch, war es vorbei. Das wollte ich einfach nicht...

© MariaGrosch