Hagelschaden

Am meisten habe ich in den letzten Tagen gehört: "Zahlt die Versicherung". Darauf mein "Ja". Und dann als Antwort: "Naja, dann ist es ja nicht so schlimm".

Wahrscheinlich werde ich diesen Pfingstmontag nicht so schnell vergessen. Gerade hatte ich - nach einem ausgiebigen Putzen der Küche (seit Wochen aufgeschoben) - alle Pflanzen gegossen, alle verblühten Blüten abgeschnitten, trockene Blätter aufgehoben und sauber gekehrt. Herrlich sah es aus. Grün, blühend, voll von Sommer. Die Sonne schien und das Gewitter zog wohl in eine andere Richtung.

Keine 5 Minuten später - alles bleigrau am Himmel, Wind kommt auf, die ersten Pflanztöpfe kippen um. In letzter Minute halte ich meinen Mann zurück. "Jetzt nicht nach draußen" schreie ich fast.

Dann Blitze und Hagelkörner, dick wie Tennisbälle. So was habe ich weder bisher gesehen noch erlebt. Die Fenster sehen aus, als ob sie jeden Moment dem Hagelsturm nachgeben. Gut, daß in den meisten Zimmern die Rollläden unten sind.

Mir selbst nützt es nicht zu denken, es wird schon alles gut gehen: ich bin einfach nur aufgeregt, ängstlich und froh, nicht alleine zu sein.

Nach 15 Minuten ist alles vorbei, sofort kommt die Sonne zwischen den Wolken hervor - alles überstanden, denke ich.

Draußen sieht es gänzlich anders aus. Schrank und Truhe auf der Terrasse haben Einschlaglöcher, alles darin ist naß. Die Rollläden sehen aus wie Schweizer Käse, von den meisten Pflanzen stehen nur noch die Stiele, überall liegt dick das Eis (die Hagelkörner sind auch am nächsten Morgen noch nicht getaut).

Die Tränen kommen ungefragt. Und einen Tag später dann nochmal. Schon mehr als sieben Stunden habe ich jetzt Pflanzen zurück geschnitten, Blätter zusammengefegt, Erde aufgefüllt, die nassen Sachen zum Trocknen aufgestellt, alle kaputten Dinge fotografiert und dokumentiert (für die Versicherung) und, und... Ich bin erschöpft und traurig.

Das was ich jetzt brauche ist Zuspruch. Also mit einem Kaffee in der Hand ein paar Anrufe, aber ich merke, daß läuft in die falsche Richtung. Alle erzählen mir, es wäre ja nicht so schlimm und es gäbe Schlimmeres (schwere Krankheiten, Todesfälle, Schäden, die nicht zu reparieren wären, Unfälle - das ganze Schreckensszenario des Lebens). Dabei fällt mir auf, daß es ganz oft so ist und ich gebe es zu, auch ich neige dazu, so zu reagieren. Immer wenn etwas passiert, was mich bedrückt, höre ich entweder Geschichten, die davon erzählen, wie viel schlimmer es hätte sein können oder Geschichten, die jemand anders erlebt hat.

Dabei wollte ich doch nur mal in den Arm genommen werden und einfach hören "ja, es ist schlimm" (ohne "Du schaffst das schon").

Es gibt eine Zeit für einfach mal in den Arm nehmen und zuhören - das nehme ich als Erfahrung mit. Und nicht immer hilft es, von dem noch Schlimmeren zu erzählen oder davon, was man selbst schon alles erlebt hat. Auch das weiß ich jetzt.

© MariaGrosch