Leipzig - 1989 - Wendezeit

Kaum zu glauben, daß es nun schon fast 30 Jahre her ist.

Ich gehöre zu denen, die direkt nach der Grenzöffnung in den neuen Bundesländern unterwegs waren um Kontakte zu knüpfen und Geschäfte anzubahnen. Eigentlich fühlte ich mich gut gerüstet, ich war erfahren in den Dingen des Verkaufs und froh, mal "Neuland" vor mir zu haben. Ostkontakte hatte ich vorher keine gehabt, keine Familie, keine Freunde, keine Reisen in die DDR oder nach Ostberlin - alles war also neu.

Auf der Autobahn fuhren die Trabis gen Westen und die VW Passats und andere Kombis dieser Welt Richtung Osten, im Gepäck Muster und Auftragsblöcke, die man gefüllt zurückbringen sollte.

Und dann kam alles ganz anders. Es wurde die emotionalste Reise meines Lebens, voll von neuen Eindrücken, besonderen Menschen, unvergesslichen Erlebnissen und Begegnungen und etwas, was man heute nicht mehr sehen, nur noch erzählen kann.

Da war die Nacht in dem ehemaligen Studentenwohnheim was schon länger leer gestanden hatte und jetzt als Hotel betrieben werden sollte - gerne hätte ich in einem Taucheranzug geduscht und über das Frühstück könnte ich eine eigene Geschichte schreiben - allerdings keine appetitliche.

Oder das Gespräch mit einer neuen Kundin über mein ganzes Angebot und ihre interessierte Geduld sich das alles anzuhören - was war ich doch für ein Verkaufstalent! Ihre Frage am Schluss - woher sie eine Westwaschmaschine bekomme und welche die beste sei - hat mir dann meine Grenzen, Begeisterung zu streuen, aufgezeigt.

Der "Herr", der mir in einem Leipziger Hotel (endlich ein richtiges Hotel und ich hatte auch den benötigten Berechtigungsschein) das letzte Hotelzimmer vor der Nase wegschnappen wollte und der mich dann einlud, es mit ihm zu teilen, wird sich hoffentlich noch heute an meinen Kommentar erinnern. (Danke an die Dame an der Rezeption, das dann doch noch ein Notzimmer - für den Herren - da war.)

Oder die Kinder auf dem Marktplatz, die sich so freuten, als ich den Kofferraum aufmachte. Verständlich eigentlich, daß Sie lieber meine "Notschokoladen" wollten, die ich immer auf Reisen mithabe (für die ernsten Stunden des Lebens) als all die schönen Prospekte zu den wissenschaftlichen Fachbüchern, die ich damals verkaufen wollte.

Unvergessen all das Kopfsteinpflaster, der ganz andere und besondere Duft nach Braunkohle oder einem Broiler - Grill, die Aufregung und die Freude all meiner Gesprächspartner, die Bauwerke und Landschaften, die ich nur aus Erzählungen und Büchern kannte und das Gefühl hier ist auch meine Geschichte.

Die neuen Bundesländer sind seit dieser Zeit eines meiner liebsten Reiseziele, mein Mann kennt alle meine Geschichten aus dieser Zeit (was für ein Glück, daß er immer noch so tut, als ob sie neu wären) und immer bin ich auf der Suche nach diesem unvergleichlichen Gefühl von damals - alles neu und anders und doch auch vertraut. Schön, daß ich dabei war, als alles neu war...

© MariaGrosch