Das Geheimnis

Meine Kindheit verbrachte ich am Dorfplatz von Bürmoos, im umliegenden Wald und im Bürmooser Moor. Es gab immer etwas zu tun und zu helfen wie Heuen, Tiere tränken, Sautrog vorbereiten, Gänse füttern.

Damals gab es noch unzählige Hausgänse in Bürmoos. Sie waren einfach überall in jeder Strasse, auf jedem Platz. Noch heute sieht man sie am Gemeindewappen.

Im Herbst, wenn sie rupfbereit waren wurden sie von Hand gefedert. Die alten Bettdecken wurden neu befüllt oder aufgefüllt. Dann gab es immer das sogenannte Federmandl, ein Hausball mit Tanz und Musik und es wurde richtig groß aufgekocht mit allerlei Schmankerl. Jedes Jahr war das bei einer anderen Familie im Dorf und man freute sich das ganze Jahr darauf.

Im Winter mussten wir in den Wald, uns warm anziehen,mit der Sichel das Reisig der Birken schneiden und daraus Besen Binden. Einmal im Monat wurden sie dann zum Kaufmann gebracht und dafür der Monatseinkauf erledigt. Aber das Schönste beim Kaufmann waren die Süßigkeiten, die konnten wir in der Schule tauschen gegen bunte Aufkleber oder ein Stück Jause.

Im Sommer fuhren wir immer Hopfen zupfen zu einem Bauern in der Holedau. Ich war angeblich die schnellste Hopfenzupferin von allen. Dafür gab es Geld und es war für uns ein kleiner Urlaub .

Auch Torf stechen half ich viel mit als Kind. Die Torfblöcke wurden herausgestochen, gestapelt und dann mit der Schubkarre bis ins Dorf transportiert. Mein Gott, wie oft ist mir der viel zu schwere Schubkarren umgekippt. Der Torf wurde zum Heizen verwendet und getauscht z.B. gegen Tischlerarbeiten oder andere Handwerkertätigkeiten.

Einmal, ich bin 10 und mein Cousin Peter 9 Jahre alt, es ist ein heißer Sommer wie der heurige und die Hitze steht über den Feldern, wollen wir beide wieder mal verstecken spielen. Ich drehe mich nur kurz von ihm weg, da ist er plötzlich verschwunden. Er fällt in einen riesigen Sägespänehaufen und kommt nicht mehr heraus. Kein Mucks, ich rufe ihn mehrmals... nichts! Als ich die Sägespäne rieseln sehe, schwant mir Schlimmes, er muss hier drin sein. Blitzschnell durchwühle ich den Haufen, erwische irgendwo seine Hand, packe ihn fest und ziehe ihn mit aller Kraft heraus. Sofort befreie ich seine Nase, Mund, Augen und Ohren von dem Sägemehl und er kann wieder gut atmen. Gottseidank! Aufgewühlt, überglücklich aber auch mit Angst im Magen vorm Geschimpftwerden schwören wir uns nie jemandem auch nur irgendetwas darüber zu erzählen!

41 Jahre später zum 50. Geburtstag meines Cousins hält er eine Rede und dankt mir vor allen Gästen und seinen Eltern für seine Lebensrettung von damals! "Ohne dich, liebe Cousine, gäbe es mich heute wohl nicht !" .

Den Eltern rinnt es im Nachhinein noch eiskalt über den Rücken und mit offenem Mund starren sie uns an. Mein Cousin und ich grinsen uns an und stoßen auf seinen Fünfzigsten an. Ja, Geheimnisse bewahren, das können wir !

© Marianne Steinmaßl