Meine neue "Familie"

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Meine Therapeuten haben bemerkt, dass ich ihnen nicht alles sage und haben das Ganze dann spielerischer gemacht und damit ist es mir dann auch leichter gefallen Vertrauen aufzubauen.

Jede Woche freute ich mich, wenn meine Familie oder meine beste Freundin zu Besuch kam. Endlich konnte ich so sein wie ich bin. Ich musste keine Gefühle mehr verstecken oder so tun, als ob es mir gut geht. Allerdings habe ich meinen Eltern und Therapeuten nur erzählt, dass ich Gras geraucht habe. Keiner von ihnen hat je von all den anderen Sachen erfahren. Da ich aber auch darüber mit irgendjemanden reden musste, redete ich mit Manuel. Er war auf meiner Station und ist auch jetzt immer noch einer meiner besten Freunde. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass die Station J301 eine große Familie ist. Hier hilft jeder jedem und hier kann man einfach so sein wie man ist. Allerdings gab es auch hier ein Problem für mich. Ich konnte nicht rauchen. Zum Glück habe ich nicht meine ganzen Zigaretten abgegeben und konnte in der Dusche rauchen. Jetzt rückblickend gesehen war es falsch. Ich hätte die Chance nutzen sollen und versuchen aufzuhören, aber dafür ist es jetzt schon zu spät.

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch Laura mittlerweile auf unserer Station war. Ich verstand mich seit dem ersten Tag an sehr gut und sie wurde für mich wie zu einer kleinen Schwester.

In meiner vorletzten Woche im Krankenhaus musste ich zweimal nach Steyr in die Schule fahren. Das erste Mal, weil ich eine Prüfung zwischen vier und fünf in Italienisch machen musste und das zweite Mal für die OMAI Schularbeit (Office Management und angewandte Informatik).

Ich durfte allein mit dem Zug fahren und konnte somit eigentlich machen was ich wollte. Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, als ich aus dem Krankenhaus raus ging. Es war einfach so befreiend. Ich war mehr oder weniger einfach frei. Ich konnte machen was ich wollte und keiner konnte es mir verbieten. Allerdings lief meine Prüfung dann nicht so gut. Ich bekam wieder meine Angstzustände und da mich meine Professorin sowieso nicht wirklich mochte, tat sie alles um mir das alles noch schwerer zu machen. Nach dieser Stunde wollte sie noch einmal kurz mit mir reden. Sie fragte mich wieso ich überhaupt zu dieser Prüfung angetreten bin, wenn ich psychisch noch so labil war. Ich habe ihr erklärt, dass es mir mittlerweile schon ziemlich gut geht und auch, dass ich sehr viel gelernt habe aber dass gerade einfach alles zu viel für mich wurde und ich deswegen so versagte. Sie verstand das allerdings nicht und ich ging dann einfach.

Danach schaute ich noch kurz in meine Klasse um alle wieder einmal zu sehen. Es war so ein schönes Gefühl. Alle freuten sich mich wieder einmal zu sehen und sie erklärten mir auch, wieso sie mich bis jetzt nicht besuchen kamen. Sie hatten einfach richtig Stress in der Schule. Jeder Lehrer wollte vor Notenschluss noch Tests machen aber ich war ihnen nicht böse. Ich freute mich einfach nur sie wieder einmal zu sehen.

© Marie Steiner 29.08.2019