Das Verschwinden

Der Wind schlägt die Tür zu, ich bin allein. Einsamkeit breitet sich aus wie ein grauer Nebel, der über Bergspitzen kriecht. Erinnerungen an vergangene Tage überholen das Jetzt und treiben ihren Schabernack in meinem Kopf.

Da sehe ich eine bunt zusammen gewürfelte Familie, die mich vor einige Herausforderungen stellt.

Aber es gelingt mir glückliches Kinderlachen in die Gesichter zu zaubern und unsere Gemeinsamkeiten zu feiern. Jeder Anlass wird genutzt, um die große Familie von nah und fern an den festlich gedeckten Tisch zu bringen und das Haus mit Fröhlichkeit zu füllen. Geburtstagskinder zählen ihre Jahre, indem sie von Stühlen springen, sooft wie sie Jahre alt geworden sind. Pippi Langstrumpf, ein Indianer und das Sams springen kreischend über Tisch und Bänke, tauschen von Jahr zu Jahr ihre Rollen und erfinden sich neu. Vampire, Kürbisse und ein Skelett erfüllen im Herbst ihren Auftrag an Halloween die Nachbarschaft zu unterhalten und schleppen Unmengen Süßsaures heim. Jährlich werden wir kurz vor Weihnachten zu Holzfällern und schleppen einen Tannenbaum ins Wohnzimmer, das schon auf die Geschichtenleser, Flötenbläser und Geschenke-Entdecker wartet. Und das Lachen im Schnee vermischt sich mit Hundegebell, denn Bruno zieht hoch motiviert den Schlitten über die Felder. Das wärmer werdende Frühjahr lockt uns in den Garten und wir schnitzen spitze Pfeile aus Zweigen, die noch vom Herbst dort lagern. Die langen Stöcke glätten wir, kneten herrlich duftenden Hefeteig und backen ihn mit den ,,Nachbarn ohne Zaun" über dem Lagerfeuer im gemeinsamen Sandkasten zu Stockbrot. In den lauen Sommernächten dringen gurgelnd unterdrücktes Kichern und der Strahl von Taschenlampen aus dem Baumhaus an der hohen Hecke. Abendliche Spielrunden gehen für manchen von uns ganz gut aus oder enden mit einem Schummel, der kichernd aufgedeckt wird, in lautem Gelächter oder Geschrei.

Die Kinder werden größer und die Abende länger. Plötzlich steht das erste Kind von einem auf den anderen Tag mit dem eigenen Wohnungsschlüssel vor dir, packt und ist weg. Richtig weg. Nach sechs Wochen halte ich es nicht mehr aus und frage vorsichtig nach, wie es denn so geht. Gut natürlich. Nach einem halben Jahr frage ich vorsichtig nach, wie denn die Wohnung aussieht und ob alles fertig ist. Nein, einen Eltern-Kaffee gibt es nicht.

Ich schaue durch die verzogene Terrassentür in den inzwischen geteilten Garten, das Baumhaus und der Sandkasten mit dem bunten Blätterdach des Essigbaums fehlen, das Kichern auch.  Und lausche der großen Stille im noch größeren leeren Haus.

Wie schön, dass noch ein Kind kommt, spät in der Nacht, aber es kommt. Wer weiß wie lange noch.

Das Verschwinden hat begonnen.

© Mariefu