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Der blaue Stein

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Der blaue Stein | story.one

Blau ist er. Ein Stein ist es nicht. Ob er mir Glück gebracht hat? Ich weiß es nicht. Allein dass er noch nicht verloren ging ist doch schon irgendwie Glück.

Vorsichtig öffne ich das Filztäschchen, taste mit den Fingern und hebe ihn ins Licht. Die Sonnenstrahlen brechen sich darin in blauen Nuancen. Er ist ungeschliffen. So wie mein Leben.

Norwegen, Vikten, Juli 1997. Eine wundervolle Nacht unter der Mitternachtssonne beglückt uns bis weit in den Vormittag. Stundenlang konnten wir dem glutroten Ball folgen, der tänzelnd auf der schimmernden Wasserlinie balancierte. In warmen Wolldecken neben dem Lagerfeuer beobachteten wir die Sonne, bis sie sich dem Osten langsam näherte und in ihrem ewigen Kreis in den stahlblauen Himmel empor hob. Die Faszination dieser magischen Stunden erfüllt unsere Herzen, unsere Augen, einfach alles. Wie von selbst fährt der Bulli die Kurven entlang der lofotischen Berge am aufgewühlten Meer. Weit kann es nicht mehr sein.

Die Einfahrt weist uns ein verwittertes Holzschild: Glasshytta. Das Haus ist vollkommen aus Holz und Glas gebaut. Die asymmetrischen Dächer sind begrünt und in den Fenstern schimmern blaue Gefäße. Innen öffnen sich verschiedene Wege, Ebenen und Räume, die zum Erkunden, Anfassen und Verweilen einladen. Es riecht nach Feuer und die Hitze schlägt uns entgegen. Einige Menschen haben sich auf Bänken nieder gelassen und schauen interessiert zu. Ein Mann mit gegerbter Haut dreht einen langen Stiel über der violetten Flamme. Eine zähe bunte Masse wird langsam weicher und kann geformt werden. Er bläst sie auf, tunkt sie in Mosaiksteinchen und wiederholt alles. Immer und immer wieder. So entsteht ein Glasväschen nach dem anderen, jedes ist ein Unikat in Farbe und Form. So wie wir Menschen.

Irgendwann müssen wir uns wieder trennen. Hand in Hand verlassen wir glückselig diesen Ort und irgendwie habe ich eine Ahnung, dass ich zurück kehren werde.

Auf dem Parkplatz schließe ich den Bulli auf und als ich meinen Fuß hinein setze, nehme ich im Augenwinkel ein Glitzern wahr. Es zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und ich beuge mich hinab. Da liegt er, der blaue Stein, der keiner ist. Die Sonnenstrahlen brechen sich darin in hunderten Blautönen und bitten darum, mich begleiten zu dürfen. Vorsichtig strecke ich die Hand aus und halte ihn ins Licht. Wie mag er hierher gekommen sein? Ein Teil von etwas Größerem? Verloren gegangen? So wie ich, wie viele von uns. Aber einzigartig.

Der blaue Stein ist mein Verbündeter. Er kennt alle Geschichten, gute und traurige, wirre Gedanken und Glücksmomente. So wie dieser. Jetzt!

Die Sonne bricht sich im ungeschliffenen Stein und er nimmt ihr Leuchten in sich auf. Gelegentlich hole ich mir eine Portion davon. Sein Anblick ist so wundervoll wie immer.

Und ja, ich war noch einmal dort, in Vikten, im Juli 2018. Die Glasshytta gibt es noch, in die Jahre gekommen. Alles eine Frage der Zeit. So wie das Leben. Der blaue Stein wird uns wohl überdauern. So wie die Sehnsucht.

© Mariefu 25.05.2020

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